132 VIMI.
Ein verſtändiger Brief.
Die Heirath einer meiner Schwägerinnen mit einem Manne, den ſie ſchon ſeit fünf Jahren liebt, hielt mich ab, meine liebe Cecilie, Ihnen früher zu antworten, und zwar um ſo mehr, dr ich dies ausführlich thun wollte, um Ihnen Ihre ganze Thor⸗ heit, all Ihren böſen Willen zu beweiſen, eines wirklichen Glü⸗ ckes zu genießen, das Sie vielleicht nur deshalb geringſchätzen, weil Sie es beſitzen.
Ja, meine gute Cecilie, ich erſcheine Ihnen vielleicht ſehr hart, aber Ihr letzter Brief iſt in der That ſo von Uebertrei⸗ bungen und chimäriſchen Ideen angefüllt, daß ich gezwungen bin, Sie diesmal recht tüchtig auszuſchelten. Ihre andern Briefe waren im Vergleiche zu dieſem noch gar nichts, und ich würde mich wirklich ſtrafbar halten, ließe ich Sie noch länger den Himmel anklagen, weil es ihm gefällt, Sie mit allen ſei⸗ nen Gaben zu überſchütten.
Ueber was Wirkliches, Thatſächliches, Poſitives beklagen Sie ſich denn? Was mangelt Ihnen, um glücklich zu ſein; ja, was mangelt Ihnen? Sie ſehen, Cecilie, ich ſpreche eben wie jene Welt, die Sie des Egoismus und der Grauſamkeit ankla⸗ gen, aber mit Unrecht, denn man darf nicht ſo die Logik und Würdigung der Welt verwerfen, meine theure Freundin, weil ſie gewöhnlich den Stempel tiefer Wahrheit tragen.
Hätten Sie nicht jene bewundernswerthe Reinheit der Grundſätze, die ich an Ihnen kenne,— müßte Ihr Gewiſſen Ihnen nur den leifeſten Vorwurf machen, ſo würde ich den tie⸗ fen, unbeſtimmten Kummer begreifen, den Sie zu empfinden glauben; aber Sie, von ſo aufrichtiger Frömmigkeit, von ſo engelgleicher Tugend,— weshalb quälen Sie ſich ſo, da Sie doch wiſſen, daß Sie ſich nichts vorzuwerfen haben?
Das größte Ihrer Leiden, ſagen Sie, iſt, von Herrn von Noirville nicht verſtanden zu werden;— aber das iſt nur ein Wort, mein liebes Kind. Worin werden Sie nicht verſtanden? Ihr Mann verſteht Ihren Geſchmack, Ihren Willen, wenn Sie ihm Beides erklären. Ich bin überzeugt, wenn Sie ihm mor⸗ gen ſagten, Ihr Gut in der Normandie mißfiele Ihnen, und
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