ſie den Brief wieder und las ihn nochmals— ſehr langſam, als ob ſie ſich beſtrebe, ſo viel Zeit, als irgend möglich ſei, darauf zu verwenden; jetzt zum erſten Male zitterte eine Thräne in ihren langen ſeidenen Wimpern.
Dann ſprang ſie plötzlich in fieberhafter Auftegung auf, faltete das Blatt haſtig zuſammen und verſchloß es in ihren Schreibtiſch.
Nein, nein, rief ſie, ich darf nicht, ich darf mich dieſen Empfindungen, dieſen Erinnerungen nicht hingeben,— denn meine Gedanken gehören nur dir, du armer, unglück⸗ licher Leſſen— ja, nur dir— nur dir!——
Am anderen Tage kam Cäciliens Vater. Weinend warf ſie ſich in ſeine Arme, denn jetzt, als ſie wieder an dem Herzen des von ihr ſo ſehr geliebten Vaters ruhte und ſie ſich von ſeinen Armen umſchlungen fühlte, floſſen ihre Thränen frei und ungehindert. Sie fühlte, daß ſie nicht mehr einſam und allein ſei, und dieſes beſeligende Empfin⸗ den löſte die harte, trockene, erſtarrte Rinde ihres Schmerzes.
Mein gutes, liebes Kind, tröſtete er, faſſe dich, gib dich nicht ſo deinem Schmerze hin; du wirſt wieder zu uns kommen, wieder wie ſonſt bei deinen Eltern, bei mir ſein, meine liebe Cäcilie, und wir wollen Alles aufbieten, um dir den Verlorenen zu erſetzen.
Ach, es war ſchrecklich, ſchrecklich, Vater, als ſie ihn
brachten— mit Einem Male todt, todt, und auf eine ſo
furchtbare, entſetzliche Weiſe!


