— 225—
viele Jahre mußten vergehen, ehe er die beſcheidene Exi⸗ ſtenz eines Oberförſters erlangen konnte; ſie ſelbſt, das
wußte er, war ohne Vermögen, das Einkommen ihres
Vaters hing faſt ganz von den Etzeugniſſen ſeiner Thätig⸗ keit ab, war ein unſicheres, zu Zeiten ſogar ſehr beſchränk⸗ tes dazu befand ſich der Profeſſor Erin in einem vorge⸗ rückten Lebensalter; was ſollte bei ſeinem Tode aus Cä⸗ cilie werden, wenn ſie an ihn gefeſſelt war? Noch wußte ſie nicht, daß er ſie liebte, noch war ihr Herz unberührt von ähnlichen Empfindungen wie das ſeinige— konnte er es verantworten, wenm er ſie in ſeine Bahn zog, wenn er den Frieden ihrer reinen, ſchönen Seele trübte, vielleicht nur, um ſie für immer unglücklich zu machen? Er liebte ſie viel zu ſehr, als daß er ſein Wohl und Wehe hätte in erſte Reihe ſtellen können, ſie war ihm Alles, ihr Glück, nicht das ſeinige das alleinige Ziel aller ſeiner Wünſche— konnte er dies anders erreichen, als durch Entſagen?
Es iſt vielleicht ein ſehr idealer Charakter, den ich hier
zu ſchildern verſuche, geneigte Leſerin, und Du ſchüttelſt
deßhalb ungläubig Dein Haupt, indem Du denkſt, ſolche Männer gibt es nicht. Es thut mir leid, wenn Du wirk⸗ lich dieſen Glauben hegſt, denn unter der großen Maſſe der durch Egoismus oder Leidenſchaft geleiteten Männer, welche die Liebe nur als die Zugabe einer zu erringenden angenehmen Exiſtenz betrachten, gibt es doch immer ſolche, 15
Guſtav vom See. Wogen des Lebens. 1


