Teil eines Werkes 
1. Theil (1864)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

269

und eilig aus dem Zimmer entfloh. Sie konnte nicht an⸗ ders, denn ſie fühlte, daß ſie ihrer Schwäche ſonſt unter⸗ liegen würde. 1 Er blickte ihr ſinnend und ſchweigend nach und war⸗ tete den ganzen Abend auf ſie, aber ſie blieb auf ihrem Zimmer und kam nicht mehr herunter.

Die Tage vergingen. Sie ſahen ſich nur wenig, denn ſie vermied es, ihn allein zu ſprechen, und er hielt ihre Freundlichkeit für Gleichgültigkeit, und wurde ernſt und en. Sie litt dabei viel, aber ſie litt es mit Freu⸗

verſchloſſ digkeit, denn ſie dachte nur an ihn, und obgleich ſie ſelbſt nicht wußte, woher dieſe Stärke ihr gekommen war, denn ſie folgte nur den Empfindungen ihres Herzens, ſo freute ſie ſich doch darüber und dankte Gott täglich in innigem 3 Gebete dafür, wenn ſie allein war und ſich ihrer Schwäche ohne Vorwurf hingeben konnte. Der zur Abreiſe feſtgeſetzte Tag rückte immer näher; es lagen nur noch wenige Tage zwiſchen ihm und dem Heute; ſie war ſehr blaß und ſchweigſam geworden und um ihren ſonſt ſo freundlich lächelnden Mund zuckte ein Zug von tiefer Trauer, den ſie nicht zu verbergen vermochte. Wehring ſowohl als ſeine Frau ſprachen häufig und ab⸗ ſichtlich von des Inſpectors naher Abreiſe in ihrer Ge⸗ genwart, denn ſie hatten wohl erkannt, wie ſehr ſie ſich für ſie am Beſten

darüber gräme, und glaubten, daß tehr oder weni⸗

ſei, ganz unbefangen, wie vyn