260
Am liebſten hätte ſie ihn gleich zuerſt mit der Frage beſtürmt: Wo ſind Sie geſtern geweſen, geſtern, wo ich die Arie ſingen wollte und Sie mir den Schluß der Braut von Mefſina vorzuleſen verſprochen hatten? Aber ſie wollte es ihm zeigen, daß er ſie gekränkt habe, und erwartete be⸗ ſonders, daß Er davon zuerſt reden und ſich entſchuldigen würde. Als er dies nicht that, als er ſogar immer ſchweig⸗ ſamer wurde, ſteigerte ſich ihre Stimmung zu einer gezwun⸗ genen Heiterkeit, hinter welcher ſie ihren Aerger verbarg. Es war ein faſt kindiſches Schmollen— und dann, als er nun fort war, hätte ſie weinen können darüber, daß er wie⸗ der ſo gegangen, und auch darüber, daß ſie ihn ſo hatte gehen laſſen.
Mittags ließ er ſich entſchuldigen, und ihre Unruhe nahm ſichklich zu. Was konnte nur die Urſache dieſes auf⸗ fallenden Benehmens ſein? Hatte ſie vielleicht etwas Un⸗ rechtes gethan, ihn vieileicht erzürnt oder gar beleidigt? Sie erſchrak, als dieſer nke zuerſt ihre Seele erfaßte, und nahm nun eine ſtr ind ſelbſtquäleriſche Prüfung ihres Benehmens mit ſich vor; aber ſie vermochte nicht auf⸗ zufinden, was ihm zur Unzufriedenheit mit ihr hätte Ver⸗ anlaſſung geben können.
5 Nein, nein, ſprach ſie dann, ſich ſelbſt beruhigend, vor ſich hin, ich weiß nicht, womit ich ihn hätte betrüben können. Ich habe Alles gethan, was er mir geſagt hat— die Arie gelernt, auch— ich weiß es nicht, weiß es wirklich
—


