Teil eines Werkes 
2. Theil (1864)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

31

Ekel, nur ohne alle Poeſie. Du haſt nur nöthig, durch un⸗ ſere Dörfer zu gehen oder das Leben des Hofgeſindes einer wenn auch noch ſo oberflächlichen Betrachtung zu unterwer⸗ fen— deren ſich ſelbſt ein junges Mädchen auch beim be⸗ ſten Willen nicht immer entſchlagen kann, ſetzte ſie mit ſpöttiſchem Lächeln hinzu—, und Du erhältſt Bilder aus der Wirklichkeit— widerlich, poeſielos, o, oft abſcheulich und ekelhaft— und doch müſſen wir den Eindruck davon in uns aufnehmen und thun, als ſähen oder wüßten wir es nicht— und da ſoll ich die rührende, lebenswahre Ge⸗ ſchichte des armen Gretchens nicht leſen— ach nein, Alfred, das iſt eine kindiſche Auffaſſung!

Gefällt Dir Gretchens Charakter? fragte er, ſie for⸗ ſchend anſehend.

Ich finde ihn vortrefflich gezeichnet.

Glaubſt Du, Gretchen hätte Gretchen ſein können, wenn ſie Gvethe's Fauſt geleſen hätte?

Welche thörichte, müſſige Frage, erwiederte ſie mit einem zornigen Aufblitzen ihrer dunkeln Augen, und ich weiß wirklich nicht, was Du damit ſagen willſt.

Die Erkenntniß iſt eine Frucht, die erſt reift, wenn viele ſchöne Blüthen abgeblüht haben, namentlich beim Weibe.

Ein falſches, unpaſſendes Bild, ein alberner Gemein⸗ platz! rief ſie zornig. Der Menſch iſt keine Pflanze, die blos vegetirt, erſt blüht und dann eine Frucht treibt— es