mein Herr, die Koſtraße ſteht in einem üblen Ruf und iſt nicht geeignet, daß ein ſittlich reiner junger Mann in ihr wohne. Ich habe nichts gegen den grünen Baum, aber meine Fflicht gebietet mir, Sie zu fragen: Haben Sie ſchon gehört, daß es in Berlin Gaſthöfe giebt, in denen man die Fremden auf unverantwortliche Weiſe prellt, ihnen ihre Wäſche abnimmt, ihnen für ein ſchlechtes Eſſen hohe Preiſe abfordert? Dumpfige, unreinliche Stuben! Bet⸗ ten mit Ungeziefer! Unfreundliche, langſame Bedienung! Haben Sie davon ſchon gehört?— Nun, mein Herr, in welchen Gaſt⸗ hof ſoll ich Sie führen?“
„In den grünen Baum!“
Herr Theudobald Laur blieb plötzlich ſtehen und ſchaute mit ungeheuchelter Verwunderung den jungen Mann an, der ihm mit der unſchuldigſten Miene geantwortet hatte.— Ein Fehlſchlag im Augenblick des gehofften Sieges! Seine Beredſamkeit war frucht⸗ los geweſen, er ahnte, daß er hier einen Gegner gefunden habe, der nicht wie jeder beliebige Provinz⸗Gimpel behandelt werden durfte. Er faßte ſich indeſſen ſchnell genug und ſagte verbindlich:
„„Wie Sie wollen! Wäre nicht die Köſtraße, ſo könnte ich Ihnen in der That keinen beſſeren Gaſthof empfehlen; aber— nun, Sie werden ja ſehen! Lange werden Sie ohnehin nicht im Gaſthof wohnen, ſondern ſich wohl bald eine Stube ſuchen. Ich ſtehe Ihnen gern zu Dienſten und will Sie führen.“
Heldreich nahm den angebotenen Dienſt ohne Weiteres an. Er hatte ſich vor ſeiner Ankunft in Berlin auf dem Plan der Stadt einigermaßen orientirt und war daher ſicher, daß ihn ſein Begleiter nicht in entlegene Nebenſtraßen führen konnte. Er überließ ſich ganz der Luſt, den Betrüger zu betrügen, denn daß Herr Theudobald Laur der ehrenwerthen Gaunerzunft angehöre, da⸗ rüber war unſer junger Freund nicht einen Augenblick in Zweifel.


