Druckschrift 
Onkel Tom's Hütte, oder Negerleben in den Sklavenstaaten von Amerika : nebst der neuen von der Verfasserin eigens für Europa geschriebenen Vorrede / von Harriet Stowe, geb. Beecher ; nach der zwanzigsten amerikanischen Auflage aus dem Englischen
Entstehung
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Aber ſie fragt Jeden, der die Welt kennt, ſind ſolche Charaktere irgendwo gewöhnlich?

Viele Jahre ihres Lebens vermied die Verfaſſerin, irgend etwas über die Sklaverei zu leſen, da ſie es für zu peinlich hielt, näher in eine Sache einzugehen, welche durch die zunehmende Aufklärung und Civiliſation ganz gewiß unter⸗ drückt werden würde. Aber als ſie durch das Geſetz von 1850 zu ihrem ſchmerz⸗ lichen Erſtaunen erfuhr, daß chriſtliche, menſchliche Leute in der That die Aus⸗ lieferung Flüchtiger in die Sklaverei als eine Pflicht für gute Bürger empfehlen als ſie auf allen Seiten von gütigen, theilnahmvollen, achtungswerthen Menſchen in den freien Staaten des Nordens Berathſchlagungen und Erör⸗ terungen darüber hörte, was chriſtliche Pflicht in dieſer Sache gebieten könnte, da dachte ſie nur: dieſe Menſchen und Chriſten können nichtwiſſen, was Sklaverei iſt; wüßten ſie es, ſo könnte eine ſolche Frage nicht erſt in Erwägung gezogen werden. Daraus entſtand das Verlangen, ſiein lebendiger, dramat iſcher Wirklichkeit darzuſtellen. Sie hat verſucht, ſie in ihren beſten und ſchlimmſten Phaſen zu ſchildern. In ihrer beſten Darſtellung iſt ſie vielleicht erfolgreich ge⸗ weſen, doch ach, wer kann ſagen, was aus dem Thal des Todesſchattens, das auf der andern Seite liegt, noch unerzählt bleibt?

An Euch, Ihr großmüthigen, edelherzigen Männer und Frauen des Sü⸗ dens, an Euch, deren Tugend, Hochherzigkeit und Reinheit des Charakters um ſo größer ſind, je ſchwerer die Verſuchung war, die er zu beſtehen hatte an Euch appellire ich. Habt Ihr nicht in Eueren geheimen Gedanken, in Euern vertraulichen Geſprächen gefühlt, daß in dieſem von Gott verfluchten Syſteme Leiden und Uebel lagen, die weit über das hinausgehen, was hier geſchildert wurde oder geſchildert werden kann? Iſt es anders möglich? Iſt der Menſch ein Ge⸗ ſchöpf, das man mit gänzlich unverantwortlicher Gewalt bekleiden darf? Macht nicht das Sklavenſyſtem, indem es dem Sklaven jedes geſetzliche Recht abſpricht, den Beſitzer zu einem unverantwortlichen Despoten? Kann irgend Jemand ſich enthalten, den Schlußzu ziehen, was der praktiſche Erfolg davon ſein wird? Wenn, wie wir zugeſtehen, ein öffentliches Gefühl unter Euch, Ihr Männer von Ehre, Gerechtigkeit und Menſchlichkeit, herrſcht, giebt es dann nicht auch eine andere Art öffentlichen Gefühls unter den Schändlichen, Rohen und Entarteten? Undkann nicht der Schurke, der Rohe, der Entartete durch das Sklavengeſetz gerade ſo viel Sklaven beſitzen, als der Beſte und Reinſte? Sind die Ehrenwerthen, die Gerechten, die Großherzigen, die Mitleidigen irgendwo in dieſer Welt die Majorität?

Der Sklavenhandel wird von den amerikaniſchen Geſetzen als eine Räuberei betrachtet. Doch ein Sklavenhandel, eben ſo ſyſtematiſch, als er je an den Küſten Afrika's betrieben wurde, iſt eine unvermeidliche Folge der amerikaniſchen Skla⸗ verei. Können ihre Gräul und herzbrechenden Umſtände geſchildert werden?

Die Verfaſſerin hat nur ein ſchwaches Gemälde der Angſt und Verzweiflung entworfen, welche in eben dieſem Augenblicke Tauſende von Herzen zerreißen, Tauſende von Familien zerſprengen und einen hilfloſen und gefühlvollen Stamm zu Wahnſinn und Verzweiflung treiben. Es leben Viele, welche wiſſen, daß Mütter durch dieſen verfluchten Handel zu der Ermordung ihrer Kinder getrieben wurden, und ſelbſt im Tode Schutz gegen das ſuchten, was ſie mehr fürchten, als den Tod. Es kann nichts Tragiſches geſchrieben, erzählt oder erfunden werden, was der furchtbaren Wirklichkeit der Scenen gleich käme, die ſich täglich und ſtündlich an unſern Küſten unter dem Schutze amerikaniſcher Geſetze, unter dem Schutze des Kreuzes Chriſti ereignen.

ünd jetzt frage ich Euch, Ihr Männer und Frauen Amerika's, iſt dies eine