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ich vertheidigen half, waren mehrere junge und geſunde Mädchen, welche die beſonderen Reize der Formen und Geſichtszuge hatten, die Kenner ſo hoch ſchätzen. EFliſabeth Ruſſell war eine von ihnen. Sie ſiel unmittelbar in des Sklaven⸗ händlers Klauen und wurde für den Markt von New⸗Orleans beſtimmt. Die Herzen derer, die ſie ſahen, wurden von Mitleid mit ihrem Schickſal ergriffen, ſie boten 1800 Dollars, um ſie loszufaufen, aber der Teufel von Sklavenhändler war unerbittlich. Sie wurde nach New⸗Orleans geſchickt; doch auf dem halben Wege dahin erbarmte ſich Gott ihrer und erlöſte ſie durch den Tod. Zwei Mäd⸗ chen, Namens Edmundſon, waren in derſelben Geſellſchaft. Als ſie auf den⸗
ſelben Markt geſchickt werden ſollten, kam eine ältere Schweſter zu der Fleiſch⸗
vank, um den Elenden, dem ſie gehörten, bei der Liebe Gottes anzuflehen, ſeiner Opfer zu ſchonen. Er lachte ſie aus und ſagte ihr, was für ſchöne Kleider und Schmuckſachen ſie bekommen wuͤrden.—„Ja,“ entgegnete ſie,„das mag in dieſem Leben ganz gut ſein, aber was wird in jenem aus ihnen werden?“— Auch ſie wurden nach New⸗Orleans geſchickt, ſpäter aber um eine große Summe losgekauft und zurückgebracht.“
„Geht daraus nicht klar hervor, daß die Geſchichten von Emmelinen und Caſſy viele Seitenſtücke haben können?“
Die Gerechtigkeit verpflichtet die Verfaſſerin, auch zu erwähnen, daß die Freundlichkeit und Großmuth, welche St. Clare zugeſchrieben werden, nicht ohne Parallele ſind, wie die folgende Anekdote zeigen wird. Vor einigen Jahren war ein junger Gentleman aus dem Süden in Cineinnati mit einem Lieblings⸗ ſklaven, der von Kindheit an ſein perſönlicher Diener geweſen war. Dieſer be⸗ nutzte die Gelegenheit, um ſeine Freiheit zu erlangen und entfloh unter dem Schutze eines Quäkers, der in Angelegenheiten dieſer Art ſehr bekannt war. Der Beſitzer war im höchſten Grade aufgebracht. Er hatte den Sklaven immer mit ſo viel Nachſicht behandelt, und ſein Vertrauen zu deſſen Zuneigung war ſo groß, daß er glaubte, man habe ihn verführt. Er beſuchte den Quäker in ſehr zorniger Stimmung, doch da er eine ungewöhnliche Aufrichtigkeit und Recht⸗ ſchaffenheit beſaß, wurde er bald durch deſſen Gründe und Vorſtellungen be⸗ ſchwichtigt. Die Sache wurde ihm unter einem Geſichtspunkt dargeſtellt, den er noch nie gehört, an den er noch nie gedacht hatte, und augenblicklich ſagte er dem Quäker, wenn ſein Sklave ihm in das Geſicht ſagen wollte, er wünſche frei zu ſein, ſo würde er ihn frei laſſen. Es fand eine Unterredung ſtatt, und Nathan wurde von ſeinem jungen Herrn gefragt, ob er je Urſache gehabt habe, ſich über ſeine Behandlung in irgend einer Beziehung zu beklagen.
„Nein, Maſter,“ antwortete Nathan,„Sie ſind immer gut gegen mich geweſen.“ ₰
„Nun, warum verläſſeſt Du mich dann?“
„Maſter kann ſterben, und wer wird mich dann bekommen? Ich möchte lieber ein freier Mann ſein.“
Nach kurzer Ueberlegung ſagte der junge Mann:„Rathan, ich glaube, an Deiner Stelle würde ich eben ſo denken. Du biſt frei.“
Er gab ihm augenblicklich einen Freibrief, deponirte eine Summe Geldes in die Hände des Quäkers, um auf zweckmäßige Weiſe dazu angewendet zu werden, ihm fortzuhelfen, und ließ einen ſehr gefühlvollen und freundlichen Brief mit Rathſchlägen für den jungen Mann zurück. Dieſer Brief war einige Zeit in den Händen der Verfaſſerin.
Die Verfaſſerin hofft, daß ſie der Hochherzigkeit, Freigebigkeit und Menſch⸗ lichkeit, welche viele Individuen im Süden charakteriſirt, Gerechtigkeit wider⸗ fahren ließ. Solche Beiſpiele bewahren uns vor der äußerſten Verzweiflung.
Onkel Tom's Hütte. 2 21


