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Onkel Tom's Hütte, oder Negerleben in den Sklavenstaaten von Amerika : nebst der neuen von der Verfasserin eigens für Europa geschriebenen Vorrede / von Harriet Stowe, geb. Beecher ; nach der zwanzigsten amerikanischen Auflage aus dem Englischen
Entstehung
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Mutter. Caſſy gab ſich ſofort mit ganzer Seele jedem guten Einfluſſe hin und wurde eine fromme, liebevolle Chriſtin.

Nach einigen Tagen theilte Madame de Thour ihrem Bruder die Lage, in der ſie ſich befand, ausführlicher mit. Der Tod ihres Gatten hatte ſie in den Beſitz eines bedeutenden Vermögens gebracht, welches ſie ſich großmüthig mit der Familie zu theilen erbot. Als ſie ihren Bruder fragte, auf welche Weiſe ſie es am beſten für ihn anwenden könne, antwortete er:

Gieb mir eine gute Erziehung, Emilie, das iſt ſtets der Wunſch meines Herzens geweſen; nachher kann ich alles Uebrige ſelbſt thun.

Nach reiflicher Ueberlegung wurde beſchloſſen, daß die ganze Familie auf i. nach Frankreich gehen ſolle, wohin ſie, von Emmelinen begleitet, abſegelte.

Das hübſche Geſicht der Letzteren erwarb ihr die Zuneigung des erſten Lieutenants auf dem Schiffe, und ſie wurde kurz nach ihrer Ankunft im Hafen deſſen Gattin.

George beſuchte vier Jahre eine franzöſiſche Univerſität, arbeitete dort mit ununterbrochenem Fleiß und verſchaffte ſich eine ausgezeichnete Bildung.

Die politiſchen Unruhen in Frankreich veranlaßten die Familie endlich wie⸗ der eine Freiſtätte in Amerika zu ſuchen, und hier faßte George den Entſchluß, ſeine Kräfte und Bildung darauf zu verwenden, die Race ſeiner Mutter zu he⸗ ben, zu welchem Zwecke er ſich mit ſeiner Familie nach Liberia begab, von wo die Welt, wenn wir uns nicht täuſchen, noch von ihm hören wird.

George's Geſinnungen und Anſichten mögen am beſten durch einen Brief an einen ſeiner Feunde geſchildert werden:

Ich bin noch einigermaßen in Zweifel hinſichtlich meines künftigen Ver⸗ haltens. Wohl könnte ich mich, wie Sie mir ſagten, in die Kreiſe der Weißen des Landes miſchen, da meine Farbe ſo hell und die meiner Frau und Familie kaum bemerkbar iſt. Vielleicht würde ich dies im Nothfall thun; aber aufrichtig

geſagt, wünſche ich es nicht.

Meine Sympathieen gehören nicht dem Stamme meines Vaters, ſondern

dem meiner Mutter. Für ihn war ich nichts weiter, als ein ſchöner Hund oder

ein gutes Pferd; für meine arme Mutter war ich ein Kind, und obgleich ich ſie nie wieder ſah, nachdem jener grauſame Verkauf uns getrennt hatte, bis ſie ſtarb, ſo weiß ich doch, daß ſie mich immer herzlich geliebt hat. Mein eignes Herz ſagt mir das. Wenn ich an alles denke, was ſie litt, ſo wie an meine eignen frühern Leiden, an die Kämpfe meines heldenmüthigen Weibes, an meine Schweſter, die auf dem Sklavenmarkte von New⸗Orleans verkauft wurde, ſo hoffe ich, daß man mich entſchuldigen wird, wenn ich nicht wünſche, für einen Amerikaner zu gelten oder mich mit ihnen zu identificiren, obgleich ich hoffe, daß ich keine unchriſtlichen Gefühle hege.

Mit dem bedrückten, in Kekten geſchlagenen afrikaniſchen Stamme fühle ich mich verbunden, und wenn ich etwas wünſchte, ſo wäre es, daß ich lieber zwei Schattirungen dunkler, als eine heller wäre.

Der Wunſch und das Sehnen meiner Seele geht nach einer afrikaniſchen Nationalität. Ich bedarf eines Volkes, das eine koſtbare, geſonderte, eigne Eriſtenz hat, und wo ſoll ich das ſuchen? Nicht in Haiti; denn in Haiti hatten ſie nichts, worauf ſie ſich ſtützen konnten. Ein Strom kann ſich nicht über ſeine Quelle erheben. Das Geſchlecht, welches den Charakter der Haitier bildete, war ein ausgemergeltes, verweichlichtes, und natürlich wird es Jahrhunderte bedür⸗ fen, um es zu irgend Etwas zu erheben.

Wo alſo ſoll ich danach ſuchen? An den Küſten von Afrika ſehe ich eine