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Onkel Tom's Hütte, oder Negerleben in den Sklavenstaaten von Amerika : nebst der neuen von der Verfasserin eigens für Europa geschriebenen Vorrede / von Harriet Stowe, geb. Beecher ; nach der zwanzigsten amerikanischen Auflage aus dem Englischen
Entstehung
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hatte, zu halten, welche denn auch ſo gut ausſiel, daß ſeine ganze Zuhörerſchaft um ihn her auf eine Weiſe ſchluchzte, welche jeden Redner der alten wie der Neu⸗ zeit hätte zufrieden ſtellen können.

Sie knieeten zuſammen nieder und der gute Mann betete denn es giebt ſo heftige und ſtürmiſche Gefühle, daß ſie nur dadurch beſchwichtigt werden können, daß man ſie in den Schvoß der allmächtigen Liebe ausſchaüttet. Dann erhob ſich die Familie, welche ſich ſo merkwürdig zuſammen gefünden hatte, mit einem heiligen Vertrauen auf Den, der ſie nach ſolchen Gefahren und Trübſalen und auf ſo unerforſchlichen Wegen zuſammengeführt hatte.

Das Notizbuch eines Miſſionairs unter den eanadiſchen Flüchtlingen ent⸗ hält Thatſachen, welche ſeltſamer ſind als irgend eine Dichtung. Wie kann es anders ſein, wenn in einem Lande ein Syſtem herrſcht, welches Familien umher⸗ wirft und ihre Mitglieder zerſtreut, wie der Wind das Herbſtlaub? Dieſe Küſten der Zuflucht vereinigen oft, gleich denen des ewigen Lebens, Herzen, die einander Jahre lang als verloren betrauert haben, in froher Gemeinſchaft wieder. Un⸗ ausſprechlich rührend iſt die Innigkeit, mit der jeder neue Ankömmling unter ihnen aufgenommen wird, wenn er vielleicht Nachrichten von Mutter, Schweſter, oder Kind, die noch im Schatten der Sklaverei den Augen verborgen find, mitbringt.

Hier werden Heldenthaten vollbracht, welche größer ſind als die, von de⸗ nen wir in Romanen leſen, wenn der Flüchtling der Tortur und ſelbſt dem Tode trotzend, freiwillig zu den Gefahren und Schrecken jenes dunklen Landes zurückkehrt, um ſeine Schweſter oder Mutter oder Gattin aufzuſuchen

Ein Miſſionair hat uns von einem jungen Manneerzählt, welcher zweimal wieder eingefangen wurde und der nach erlittener ſchmachvoller Züchtigung aber⸗ mals glücklich entkam. In einem Briefe, der uns vorgeleſen worden iſt, theilt er ſeinen Freunden mit, daß er zum dritten Male zurückkehren wolle, um ſeine Schweſter wenn möglich endlich zu befreien. Iſt dieſer junge Mann ein Held oder ein Verbrecher? Wer würde für ſeine Schweſter nicht das Nämliche thun? Wer kann ihn tadeln?

Aber wir kehren zu unſern Freunden zurück, die wir verlaſſen haben, wäh⸗ rend ſie ſich die Augen trockneten und ſich von einer zu großen und plötzlichen Freude erholten. Sie ſitzen jetzt um den Tiſch und werden geſprächig, nur daß Caſſy, welche die kleine Eliza auf ihrem Schooße hat, von Zeit zu Zeit das kleine Mädchen auf eine ſie in Erſtaunen ſetzende Weiſe an ſich drückt und ſich hart⸗ näckig weigert, ſich den Mund in dem Maße, wie die Kleine es wünſcht, mit Kuchen ſtopfen zu laſſen, indem ſie zur Verwunderung des Kindes behauptet, daß ſie etwas Beſſeres als Kuchen genoſſen habe und nicht ſo ſehr nach ihm verlange.

In der That iſt im Laufe von zwei bis drei Tagen mit Caſſy eine ſolche Veränderung vorgegangen, daß unſere Leſer ſie kaum wieder erkennen würden. Der verzweifelte, verſtörte Ausdruck ihres Geſichts war dem eines ſanften Ver⸗ trauens gewichen. Sie ſchien gleichſam an den Buſen der Familie zu ſinken und die Kleinen als etwas, worauf ihr Herz lange gewartet, in daſſelbe zu ſchließen. In der That war es, als ob ſich ihre Liebe eher der kleinen Eliza als ihrer eig⸗ nen Tochter zuwende, denn ſie war das genaue Bild des Kindes, das ſie verlo⸗ ren hatte. Die Kleine bildete ein blumiges Band zwiſchen Mutter und Tochter, durch welches Bekanntſchaft und Zuneigung entſtand. Eliza's durch das beſtän⸗ dige Leſen der heiligen Schrift geregelte, ruhige, eonſequente Frömmigkeit machte dieſe zu einer paſſenden Führerin für den müden und verſtörten Geiſt ihrer