ſchon als Kind in meine Arme gelegt worden? Es iſt natürlich, daß ich ihn hochhalte, und es war nicht zu erwarten, daß er ſo viel an den armen Tom denken ſollte. Die Herren ſind es gewöhnt, daß alle ſolche Dinge für ſie gethan werden und natürlicher Weiſe denken ſie nicht ſo viel davon. Es iſt nicht von ihnen zu erwarten. Stelle ihn einmal neben andere Herren.— Wer hat eine Behandlung und ein Leben gehabt wie ich! Und er hätte dies nie über mich kommen laſſen, wenn er es hätte voraus ſehen können. Ich weiß, daß er es nicht gethan haben würde.“
„Nun, es iſt jedenfalls etwas Unrechtes dabei,“ ſagte Tante Chloe, zu de⸗ ren hervorragenden Zügen ein hartnäckiges Rechtsgefühl gehörte. Ich verſtehe zihe wo das Unrecht liegt, daß aber Unrecht dabei iſt, davon ſoll mich nichts abbringen.“
„Du mußt zum Herrn hinaufblicken, er iſt über uns Allen— gegen ſeinen Willen fällt kein Sperling vom Dache.“
„Das tröſtet mich nicht, wenn es das auch vielleicht thun ſollte,“ ſagte Tante Chloe;„das Reden nutzt jedoch nichts, ich will jetzt den Maiskuchen backen und Pir noch ein gutes Frühſtück machen, wer weiß, wenn Du wieder eines erhältſt.“
Das einfache Frühmahl dampfte bald auf dem Tiſche, denn Mrs. Shelby hatte an jenem Morgen der Tante Chloe Urlaub aus dem Herrenhauſe gegeben. Die arme Seele hatte zu dieſem Abſchiedsmahle ihre ganzen Kräfte aufgeboten— ihr zarteſtes Hühnchen geſchlachtet und zugerichtet und ihren Maiskuchen mit ſkrupulöſer Genauigkeit bereitet, wie ſie wußte, daß er ihrem Gatten ſchmeckte, und aus einigen Töpfen auf dem Kaminſims eingemachte Früchte genommen, welche nur bei den wichtigſten Gelegenheiten zum Vorſchein kamen.
„Gott, Peter,“ ſagte Moſes triumphirend,„heute haben wir einmal ein gutes Frühſtück!“ und er langte ſich ein Stück von dem Huhn zu.
Tante Chloe ließ ihm augenblicklich eine Ohrfeige zukommen.
„Da haſt Du's! Mußt Du noch beim letzten Frühſtück, das Dein armer Vater zu Hauſe haben wird, Spektakel machen?“
„O, Chloe!“ ſagte Tom ſanft.
„Nun, ich kann mich nicht halten,“ antwortete Chloe, indem ſie ihr Ge⸗ h der Schürze verbarg,„ich bin ſo außer mir, daß ich nicht weiß, was i i
Die Knaben ſtanden ſtumm da und blickten bald ihren Vater, bald ihre
Mutter an, während das Jüngſte an den Kleidern der Letzteren heraufkletterte
und gebieteriſch verlangend zu ſchreien begann.
„Da,“ ſagte Tante Chloe, ſich die Augen wiſchend und das Kind auf ihre Arme nehmend,„jetzt bin ich hoffentlich ruhig. Eßt nur zu. Das iſt mein beſtes Hühnchen. Da, Jungen, Ihr ſoilt auch etwas haben, Ihr armen Ge⸗ ſchöpfe. Eure Mama iſt böſe gegen Euch geweſen.“
Die Knaben bedurften keiner zweiten Einladung und machten ſich eifrig
an die Speiſen, und es war ein Glück, daß ſie es thaten, da ſonſt von dem Früh⸗ ſtück nur ſehr wenig verzehrt worden ſein würde. Nun,“ ſagte Tante Chloe, ſobald das Frühſtück beendigt war,„Fjetzt muß ich Deine Kleider einpacken, es iſt leicht möglich, daß er Dir ſie alle abnehmen wird. Ich weiß, wie es die Menſchen machen— ſie haben einen ſchmutzigen Geiz. Dein Flanellzeug für den Rheumatismus liegt in dieſer Ecke, nimm es gut in Acht, denn Du wirſt jetzt keinen Menſchen mehr haben, der Dir neues macht Das ſind Deine alten Hemden und das Deine neuen. Die Strümpfe habe ich Dir geſtern Abend geſtopft und den Knäuel hineingelegt; aber, Gott, 82


