61
ſchaft den Rücken, blickte aus dem Fenſter, und ſchien ganz beſonders geſchäftig zu ſein, ſich zu räuſpern und ſeine Brillengläſer abzuwiſchen. Auch putzte er gelegentlich ſeine Naſe auf eine Art, welche vollkommen dazu geeignet geweſen wäre, Verdacht zu erregen, wenn irgend Jemand ſich in der Lage befunden hätte, kritiſche Beobachtungen anzuſtellen.
„Wie haben Sie mir ſagen können, daß Sie einen guten Herrn gehabt hätten?“ rief er plötzlich, indem er mit der größten Entſchloſſenheit ein Auf⸗ ſteigen in ſeiner Kehle hinabdrückte und ſich raſch zu der Frau umwendete.
„Weil er ein guter Herr war; ich werde das ſtets von ihm ſagen, und meine Herrin war ebenfalls gut, aber ſie konnten nicht anders; ſie waren Geld ſchuldig und ein Mann hielt ſie auf irgend eine Weiſe, die ich nicht verſtehe, in ſeinen Händen, und ſie waren gezwungen ihm den Willen zu thun. Ich horchte und hörte, wie er der Herrin das ſagte und wie ſie für mich bat und flehte und er ihr ſagte, daß er nicht anders könne und daß die Papiere ausgeſtellt wären, und dann nahm ich mein Kind und verließ meine Heimath und ging davon. Ich wußte, daß ich nicht im Stande ſein würde, länger zu leben, wenn ſie es ge⸗ than hätten, denn dieſes Kind iſt Alles, was ich habe.“
„Haben Sie keinen Ehemann?“
„Ja, aber er gehört einem andern Herrn. Sein Herr iſt ſehr hart gegen ihn und läßt ihn faſt nie zu mir gehen und er iſt immer härter und härter gegen uns geworden und droht ihn nach dem Süden hinab zu verkaufen. Ich werde ihn ſhwerlich je wieder ſehen.“
Der ruhige Ton, in welchem die Frau dieſe Worte ſprach, hätte einen ober⸗ flächlichen Beobachter auf den Gedanken führen können, daß ſie vollkommen ge⸗ fühllos ſei, aber in ihren großen dunkeln Augen lag eine ſtille Tiefe des Schmer⸗ zes, welche etwas ganz Anderes verkündete.
„Und wohin wollen Sie gehen, arme Frau?“ fragte Mrs. Bird.
„Nach Canada, wenn ich nur wüßte wo das wäre. Iſt es ſehr weit bis nach Canada?“ fragte ſie mit einfacher, vertrauensvoller Miene zu Mrs. Bird aufblickend.
„Armes Ding,“ ſagte Mrs. Bird unwillkürlich.
„Denken Sie, daß es ein ſehr weiter Weg iſt?“ fragte die Frau ernſtlich von Neuem.
„Viel weiter als Sie denken, armes Kind,“ antwortete Mrs. Bird,„aber wir wollen zuſehen und überlegen, was ſich für Sie thun läßt. Höre, Dina, mache ein Bett in Dein Zimmer dicht bei der Küche und ich will morgen früh nachdenken, was für Sie geſchehen kann. Fürchten Sie unterdeſſen nichts, arme Frau, ſetzen Sie Ihr Verkrauen auf Gott, er wird Sie beſchützen.“
Mrs. Bird und ihr Gatte begaben ſich wieder in das Wohnzimmer; ſie ſetzte ſich in ihren kleinen Schaukelſtuhl vor dem Feuer und ſchaukelte ſich nach⸗ denklich hin und her.
Mr. Bird ſchritt im Zimmer auf und ab und murmelte vor ſich hin:
„Pah, pah!— eine verwünſcht fatale Geſchichte!“
Endlich trat er zu ſeiner Frau und ſagte:
„Höre, Frau, ſie muß noch dieſe Nacht von hier fort. Der Burſche wird morgen in aller Frühe auf der Fährte ſein. Wenn es nur die Frau wäre, ſo könnte ſie ſtill liegen bis Alles vorüber wäre, aber das Bürſchchen könnte kein Kavallerie⸗Regiment ſtill halten, dafür möchte ich bürgen. Er würde Alles herausbringen, indem er den Kopf aus irgend einem Fenſter oder irgend einer Thür ſteckte. Es würde für mich ein huͤbſcher Keſſel voll Fiſche ſein, wenn ich


