den würde ſie ihn nur an der Hand geführt haben, jetzt ließ ſie aber ſchon der Gedanke, ihn aus ihren Armen zu entfernen, erſchaudern und ſie preßte ihn krampfhaft an ihren Buſen, während ſie eiligſt vorwärts ſchritt.
Der bereifte Boden knarrte unter ihren Füßen und ſie erbebte als ſie den Klang vernahm. Jedes zitternde Blatt, jeder flatternde Schatten trieb ihr das Blut nach dem Herzen und beſchleunigte ihre Schritte. Sie wunderte ſich ſelbſt über die Kraft, welche ſie zu erfüllen ſchien, denn ſie fühlte die Schwere ihres Sohnes ſo wenig, als wäre er eine Feder geweſen und jede Empfindung von Furcht ſchien die übernatürliche Gewalt, welche ſie vorwärts trieb, zu verſtär⸗ ken, während ihre bleichen Lippen fortwährend murmelten:„Hilf mir Herr, rette mich!“
Das Kind ſchlief. Anfangs hatte es die Neuheit der Sache und die Be⸗ ſorgniß wach erhalten, aber ſeine Mutter unterdrückte ſo haſtig jeden Hauch oder Laut und verſicherte ihm ſo nachdrücklich, daß ſie ihn ſicherlich retten würde, wenn er nur ſtill ſei, daß er ruhig an ihrem Halſe hing, und als er fand, daß er ſchläfrig wurde, nur fragte:
„Mutter, nicht wahr, ich brauche nicht wach zu bleiben?“
„Nein, mein Liebling, ſchlafe wenn Du willſt.“
„Aber Mutter, Du wirſt mich ihm doch nicht geben, wenn ich einſchlafe?“
„Nein, ſo wahr mir Gott helfe!“ ſagte ſeine Mutter mit bleicherer Wange und einem helleren Lichte in ihren großen dunkeln Augen
„Du biſt gewiß, nicht wahr Mutter?“
„Ja, gewiß!“ erwiderte die Mutter mit einer Stimme, welche ſie ſelbſt erſchreckte, denn ſie ſchien ihr aus einem Geiſte in ihrem Innern, der kein Theil von ihr war, zu kommen, und der Knabe ließ ſein müdes Köpfchen auf ihre Schultern ſinken und war bald eingeſchlafen. Wie die Berührung der warmen Arme, der leiſe Athem, welcher ihren Nacken ſtreifte, ihren Bewegungen Feuer und Leben zu verleihen ſchienen! Es war ihr als ob durch jede ſanfte Berüh⸗ rung und Bewegung des ſchlafenden, vertrauensvollen Kindes ein elektriſcher Strom von Kraft in ſie ergoſſen werde.
Die Grenzen des Gutes, der Hain und Wald zogen undeutlich an ihr vor⸗ über und ſie ließ einen bekannten Gegenſtand nach dem andern zurück und ruhte nicht eher, als bis der ſich röthende Morgenhimmel ſie meilenweit von allen Spuren bekannter Gegenſtände auf der offenen Landſtraße ſah.
Sie war vft mit ihrer Herrin, die dort Verwandte beſucht hatte, in dem Städichen T—, unfern des Ohiofluſſes geweſen und kannte den Weg dorthin vollkommen. Dorthin zu gehen, über den Ohiv zu fliehen, dies waren die eilig vorgezeichneten Umriſſe ihres Planes, was das Uebrige betraf, ſo konnte ſie nur auf Gott hoffen.
Sobald ſich Pferde und Fuhrwerke auf der Landſtraße zu zeigen begannen, bemerkte ſie mit der ſchnellen Wahrnehmungsgabe, welche aufgeregten Zuſtän⸗ den eigen iſt und eine Art von Inſpiration zu ſein ſcheint, daß ihr übereilter
Schritt und ihre verſtörte Miene ſie zum Gegenſtand von Bemerkungen und
Verdacht machen könne. Sie ſtellte den Knaben daher auf den Boden, brachte ihr Kleid und ihren Hut in Ordnung und ging mit dem ſchnellſten Schritte, welchen ſie mit der Bewahrung des äußern Scheines für verträglich hielt, weiter. Sie hatte in ihrem Bündelchen einen Vorrath von Kuchen und Aepfeln mitgenommen, welche ſie als Hilfsmittel, um die Schnelligkeit des Kindes zu befördern, anwendete, indem ſie die Aepfel einige Schritte weit vorausrollte, worauf der Knabe danach lief— und dieſe oft wiederholte Liſt brachte ſie über ſo manche halbe Meile hinweg.


