Druckschrift 
Onkel Tom's Hütte, oder Negerleben in den Sklavenstaaten von Amerika : nebst der neuen von der Verfasserin eigens für Europa geschriebenen Vorrede / von Harriet Stowe, geb. Beecher ; nach der zwanzigsten amerikanischen Auflage aus dem Englischen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

27

„Armer Junge, armer Burſche!“ ſagte Eliza,„man hat Dich verkauft, aber Deine Mutter wird Dich noch retten.“

Keine Thräne fiel auf das Kiſſen. In ſolchen Nöthen hat das Herz keine Thränen zu geben; es vergießt nur Blut und verblutet ſich im Stillen. Sie nahm ein Stück Papier und einen Bleiſtift und ſchrieb haſtig.

„O Miſſis— liebe Miſſis! halten Sie mich nicht für undankbar; denken Sie nicht ſchlimm von mir— ich habe Alles gehört, was Sie und der Herr heute Abend ſagten. Ich werde den Verſuch machen, meinen Knaben zu retten. Sie werden mich nicht tadeln. Gott ſegne und belohne Sie für alle Ihre Güte.“

Nachdem ſie dies haſtig zuſammengebrochen und adreſſirt hatte, ging ſie an eine Kommode und machte ein kleines Kleiderbündel, und die Fürſorge einer Mutter iſt ſo zärtlich, daß ſie ſelbſt in dem Schrecken dieſer Stunde nicht ver⸗ gaß, in das kleine Päckchen ein Paar von ſeinen Lieblingsſpielſachen zu legen, während ſie einen buntbemalten Papagey zurückbehielt, um ihn damit zu unter⸗ halten, wenn es nöthig geworden ſein würde, ihn zu wecken.

Es koſtete einige Mühe, den kleinen Schläfer zum Erwachen zu bringen, aber nach einigen Anſtrengungen richtete er ſich auf und ſpielte mit ſeinem Papagey, während ſeine Mutter Hut und Shawl anlegte.

„Wohin gehſt Du, Mutter?“ fragte er, als ſie ſich mit ſeinem Röckchen und Mützchen dem Bette näherte.

Seine Mutter kam näher und blickte ſo eindringlich in ſeine Augen, daß er ſofort errieth, daß etwas Ungewöhnliches im Werke ſei.

„Still, Harry,“ ſagte ſie,„Du darfſt nicht laut ſprechen, ſonſt hört man uns. Es iſt ein böſer Mann gekommen, um den kleinen Harry von ſeiner Mutter hinwegzunehmen und ihn im Finſtern fortzuſchaffen; aber die Mutter wird das nicht zulaſſen. Sie wird ihren kleinen Knaben die Mütze aufſetzen und das Röckchen anziehen und mit ihm davonlaufen, damit ihn der häßliche Mann nicht fangen kann.“

Unter dieſen Worten hatte ſie die einfache Kleidung des Knaben befeſtigt und ſie nahm ihn auf ihren Arm, flüſterte ihm zu, daß er ſehr ſtill ſein möge, öffnete eine Thür ihres Zimmers, die auf die äußere Veranda hinausführte und glitt geräuſchlos aus dem Hauſe.

Es war eine funkelnde, froſtige, ſternenhelle Nacht und die Mutter ſchlug einen Shawl dicht um ihr Kind, als es von einem unbeſtimmten Entſetzen voll⸗ kommen ſtill gemacht an ihrem Halſe hing.

Der alte Bruno, ein großer Neufvundländer, der am Ende des Vordachs ſchlief, erhob ſich mit einem leiſen Knurren, als ſie in ſeine Nähe kam. Sie rief leiſe ſeinen Namen und das Thier, ein alter Günſtling und Spielkamerad von ihr, wedelte mit dem Schweife und ſchickte ſich augenblicklich an, ihr zu folgen, wenn er auch in ſeinem einfachen Hundekopfe nicht begreifen zu können ſchien, was eine ſo indiserete Nachtpromenade bedeuten möge. Einige undeutliche Ideen von Unklugheit oder Unanſtändigkeit der Maßregel ſchien ihn in bedeu⸗ tende Verlegenheit zu ſetzen, denn er blieb mehrmals ſtehen, während Eliza vor⸗ wärts glitt und blickte bald auf ſie, bald auf das Haus, worauf er wie durch weiteres Nachdenken wieder beruhigt, von Neuem hinter ihr hertrabte.

Wenige Minuten brachten ſie an das Fenſier der Hütte Onkel Tom's und Eliza blieb hier ſtehen und klopfte leiſe an das Fenſter.

Die Betſtunde bei Onkel Tom war durch das Hymnenſingen bis zu einer

ſehr ſpäten Zeit hinausgezogen worden, und da Onkel Tom darauf noch einige