Druckschrift 
Onkel Tom's Hütte, oder Negerleben in den Sklavenstaaten von Amerika : nebst der neuen von der Verfasserin eigens für Europa geschriebenen Vorrede / von Harriet Stowe, geb. Beecher ; nach der zwanzigsten amerikanischen Auflage aus dem Englischen
Entstehung
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„Es thut mir leid, ſehr leid, Emilie,“ ſagte Mr. Shelby,„es thut mir leid, daß ſich dieſer Gedanke Deiner ſo ſehr bemächtigt, aber es wird nichts nützen; ſiehſt Du Emilie, die Sache iſt geſchehen, der Verkaufskontrakt iſt be⸗ reits unterzeichnet und in Haley's Händen und Du mußt Gott danken, daß es nicht ſchlimmer ſteht. Der Mann hat es in ſeiner Macht gehabt, uns Alle zu ruiniren, aber jetzt iſt er uns vom Halſe; wenn Du den Mann ſo gut kennteſt wie ich, ſo würdeſt Du denken, daß wir nur mit genauer Noth entronnen ſind.“

„Iſt er denn ſo hart?“

„Nun, er iſt nicht gerade ein grauſamer Mann, aber ein Mann von Leder — ein Mann, der ſich um nichts kümmert, als um Vortheil und Gewinn— kalt und rückſichtslos und erbarmenslos wie der Tod und das Grab— er würde ſeine eigene Mutter verkaufen, wenn er einen guten Preis dafür erhielte— ohne deshalb der alten Frau etwas Böſes zu wünſchen.“

„Und dieſer Elende iſt der Eigenthümer des guten, treuen Tom und des Kindes Eliza's?“

„Nun, Liebe, es kommt mir allerdings etwas ſchwer an; es iſt eine Sache, an die ich nicht gern denke, Haley möchte die Sache beeilen und morgen Beſitz nehmen; ich werde mein Pferd in aller Frühe nehmen und mich aus dem Staube machen; ich kann Tom nicht ſehen; ſo viel iſt gewiß und Du würdeſt am beſten thun, ivgend wohin zu fahren und Eliza mitzunehmen. Laß die Sache geſchehen, wenn ihr das Kind aus den Augen iſt.“

„Nein, nein,“ erwiderte Mrs. Shelby,„ich will in keiner Beziehung bei dieſer Grauſamkeit Hilfe oder Beiſtand leiſten; ich werde den armen alten Tom aufſuchen. Gott helfe ihm in ſeiner Noth. Sie ſollen auf alle Fälle ſehen, daß ihre Herrin für ſie und mit ihnen fühlen kann. Was Eliza betrifft, ſo wage ich nicht an ſie zu denken, der Herr verzeihe uns! Was haben wir gethan, daß dieſe grauſame Nothwendigkeit bei uns eintreten ſollte.“

Dieſes Geſpräch wurde von einer Zuhörerin belauſcht, von welcher ſich Mr. und Mrs. Shelby nichts ahnen ließen.

Dicht neben ihrem Zimmer befand ſich ein großer Alkoven, der durch eine Thür mit dem äußern Gange in Verbindung ſtand. Als Mrs. Shelby Eliza zu Bett geſchickt, hatte dieſer ihr fieberhaft aufgeregter Geiſt den Gedanken an dieſen Alkoven eingegeben und ſie hatte ſich dort verſteckt und mit dicht an eine Ritze der Thür gepreßtem Ohr kein Wort des Geſpräches verloren.

Sobald die Stimmen verklangen, erhob ſie ſich und ſchlich vorſichtig hin⸗ weg. Mit ihrem bebenden Körper, ihren bleichen, ſtarren Zügen undzuſammen⸗ gepreßten Lippen ſah ſie wie ein ganz anderes Weſen aus, als das ſanfte, ſchüchterne Geſchöpf, welches ſie bisher geweſen war. Sie bewegte ſich vorſich⸗ tig durch den Gang, blieb einen Augenblick an der Thür ihrer Herrin ſtehen, hob ihre Hand in ſtummem Gebet zum Himmel, wendete ſich darauf ab und glitt in ihr eignes Zimmer. Es war ein ſtilles Gemach in demſelben Geſchoß, wie das ihrer Herrin; hier war das angenehme, ſonnige Fenſter an dem ſie oft

ſingend bei ihrer Nätherei geſeſſen hatte; hier befand ſich ein kleines Bücher⸗

regal, auf dem verſchiedene Kieinigkeiten, die ſie an Weihnachtstagen zum Ge⸗ ſchenk erhalten hatte, aufgeſtellt waren; hier lag ihre einfache Garderobe in den Kommoden; kurz, hier war ihre Heimath, die im Ganzen genommen bisher für ſie eine glückliche geweſen war. Hier auf dem Bette lag aber ihr ſchlummernder Knabe, dem die langen Locken nachläſſig über das ahnungsloſe Geſicht fielen; ſein roſiger Mund war halb offen, ſeine kleinen dicken Hände lagen auf der

Bettdecke und ein Lächeln breitete ſich gleich einem Sonnenſtrahl über ſein

ganzes Antlitz.