314 Der deutſche Kaiſer.
„Das wollen wir jetzt gleich, mein Geliebter. Auch ich führe einen köſtlichen Wein bei mir. Aya, reiche uns Becher und eine Flaſche goldnen Keres.“
Die Dienerin trat ein und brachte das Verlangte.
„Sieh, mein Johann, wie ich Deinen Mundbecher, den Du ſo oft bei mir geleert, in Ehren gehalten! Ich führe ihn ſtets mit mir. Heute ſollſt Du wieder daraus trinken und Dich für dieſe Nacht ſelig trinken.“
„Göttliches Weib, und Dich konnte ich verlaſſen!“
Der Wein perlte in den Bechern; ſie ſtießen an; er rief.„Auf neuen ſeligen Liebesgenuß!“ Sie:„Auf die nahe ſelige Nacht!“
Er leerte den Becher bis auf den Grund. Dann wollte er ſie küſſen.„Jetzt keinen Kuß mehr,“ ſprach ſie abwehrend.„Alles verſpart auf die Nacht!“ Und er ging.
Sobald er hinaus war, riß Ineſe den Schmuck von ſich, und ihre Züge nahmen wieder den ſtarren grauſigen Ausdruck eines Meduſenhauptes an.
„Mein letztes Werk iſt vollbracht!“ ſagte ſie dumpf zu Aya.„Dank Deiner Kunſt, meine treue Magd! Reinige den Becher; er hat ſeine Schuldigkeit gethan. Ich ſchenke ihn Dir.— Laß die Maulthiere vorführen. In einer Stunde müſſen wir über die Berge ſein. Du ziehſt nach Granada und gibſt dort dieſen Brief ab. Ich
habe eine andre Reiſe vor. Wenn ich Dich brauche, werde ich es Dir wiſſen laſſen.“


