Der deutſche Kaiſer. 29
drei Tagen in Tordeſillas abholen ſolle, um ſeinen Einzug in die Stadt zu halten, er ſelbſt fuhr mit ſeinen Geſchwi⸗ ſtern an ihren Mauern vorüber nach dem einſamen Schloſſe der unglücklichen Königin, von der ihm nicht einmal eine Erinnerung an ihre Geſtalt im Gedächtniß geblieben war. Nur Eleonore war bei Johanna's Abreiſe aus den Nie⸗ derlanden alt genug geweſen, um eine ſolche Erinnerung feſtzuhalten. Und ſie hatte ſie treu bewahrt.
Die Königin war vorher von der Ankunft ihrer beiden älteſten Kinder unterrichtet worden. Ein leiſer Lichtſtrahl ſchien bei dieſer Nachricht in der tiefen Nacht ihres Trüb⸗ ſinns aufzudämmern; ihr Auge belebte ſich von dieſer Stunde mehr und mehr; ſie ſann lange nach, ihre Um⸗ gebung ſah es ihr an, wie ihr gefeſſelter Geiſt rang, ſich die getrübte Erinnerung klar zu machen. Stunden lang ſah ſie aus dem Fenſter hinüber nach dem Kloſter, aber es war nicht jenes unheimliche gedankenloſe Hinſtarren von ſonſt, ihr trockenes Auge wurde wieder feucht, und ſie ſeufzte zuweilen:„O meine Kinder!“ Dann wandte ſie ſich wol zu ihren Katzen und verkündete ihnen mit bewegter Stimme, daß ſie bald die Freude haben würden, ihre hohen königlichen Geſchwiſter bei ſich zu ſehen.
Als ihr nun ihre vier Kinder gemeldet wurden, über⸗ lief ihren Körper ein krampfhaftes Zittern; ſie brauchte über eine Stunde, um ſich zu faſſen, und Arzt und Beicht⸗ vater waren ſammt ihren Frauen mit ihr beſchäftigt. Dann begehrte ſie plötzlich königlich geſchmückt zu werden.


