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Das Maiblümchen / Harriet Stowe, geb. Beecher
Entstehung
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Das Maiblümchen. 137

auf den Kopf gegoſſen. Nein, hätte nun Jeſſe ausgerufen, das hätte ich in meinem ganzen Leben nicht gedacht!

Nicht ſelten benutzte Vater Morris auch ſein Darſtellungstalent, um einen Tadel paſſend anzubringen. So hatte er eine Wieſe, die rings von ſchönen Pfirſich-Bäumen eingeſchloſſen war. Dieſe Bäume nun wurden von den jungen zehn⸗ und zwölfjährigen Herren des Dorfs häufiger beſucht, als es dem alten Beſitzer derſelben lieb war. Um dieſe Beſuche zu verringern, erzählte er eines Sonntags in ſeiner Predigt, daß er neulich eine Reiſe gemacht habe. Es war ſehr heiß, fuhr er fort, und ich empfand einen großen Durſt. Da ſah ich in einem Garten köſtliche Pfirſichbäume, ſo köſtlich, daß mir bei dem bloßen Anblicke ſchon das Waſſer im Munde zuſammenlief. Ich trat an das Gartengitter und ſah mich um, denn nichts in der Welt hätte mich vermocht, ohne Erlaubniß des Eigenthümers eine einzige Pfirſiche abzubrechen. Endlich bemerke ich einen Mann. Gu⸗ ter Freund, ſagte ich, wollten Sie mir wohl einige Pfirſichen ſchenken? Der brave Mann füllte meinen ganzen Hut an. Während ich nun einige davon, fragte ich ihn: Freund, wie fangen Sie es an, daß Sie ſich dieſe Pfirſichen erhalten? Erhalten? Was wollen Sie damit ſagen? fragte er. Stehlen ſie denn die Jungen nicht? O nein! Da habe ich einen Garten voll Pfirſichen, jagte ich, die ich mir nicht zur Hälfte erhalten kann, denn hier zitterte die Stimme des Greiſes denn die Knaben meiner Gemeinde ſtehlen ſie mir! Wie, rief der Mann, verbieten denn die Eltern den Kindern das Stehlen nicht? Bei dieſer Frage durchrieſelte mich ein kalter Schauder und ich antwortete: ich fürchte nein! Aber ſagen Sie mir doch, fragte der Mann, wo wohnen Sie denn? Und nun, rief Vater Morris unter einem Strome von Thränen, nun war ich gezwungen zu ſagen, daß ich in dem Dorfe C. wohne!

Seit dieſer Predigt wurden keine Pfirſichen mehr geſtohlen.

Vater Morris war nicht minder originell in ſeiner Logik, als in ſei⸗ ner Kunſt auszumalen. Seine Logik trug den Charakter der gewöhnlichen vertraulichen Unterhaltung, ſie reichte dem hausbackenen Menſchenverſtande die Hand wie einem alten, guten Freunde. Zuweilen auch verbreiteten ſich ſein Geiſt und ſein Gemüth über höhere Religionsfragen, und ſein Vortrag, ſo ſchmucklos er auch war, ſchwang ſich dann bis zum Erhabenen hinauf. So predigte er einmal über den Tert:Der Herr der Herrn, der in der Ewigkeit thront u. ſ. w. hier war ſeine Predigt vom An⸗ fang bis zum Ende eine Reihe erhabener und heiliger Gedanken. Einfach und feurig, mit gewaltiger Stimme, ſprach er von dem allmächtigen Gotte, dem großen Jehova von dem fruchtloſen Abmühen der Kinder dieſer Welt, die fürchteten, in der Zeit nicht genug vollbringen zu können, und

dies und das nicht zu erreichen.Aber, fügte er in einem freudig be⸗

wegten Tone hinzu, der Herr beeilt ſich niemals, er hat Zeit genug, denn er wohnt in der Ewigkeit! Und die große Idee von der ünendlichkeit und der Allmacht Gottes beherrſchte die ganze Rede.

Obgleich der alte Mann in ſeiner gewöhnlichen Unterhaltung wenig Neigung zum Komiſchen zeigte, ſo konnte er dennoch geiſtreich ſcherzen und witzige Antworten ertheilen. Eines Tages ging er durch einen be⸗ nachbarten Pfarrort, der allgemein als profan bekannt war. Ein Haufen kleiner nichtsnutziger Buben verrannte ihm den Weg und rief:

Vater Morris, Vater Morris, der Teufel iſt todt!