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Das Maiblümchen / Harriet Stowe, geb. Beecher
Entstehung
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138 Das Maiblümchen.

Wahrhaftig? ſagte der alte Mann, indem er ſegnend ſeine Hand über die ihm zunächſtſtehenden Kinder ausſtreckte Ihr armen Waiſen!

Es würde zu weit führen, wenn ich alle Thaten und Reden dieſes Mannes erzählen wollte, wie ſie ſich im Munde des Volkes erhalten haben. Er lebte weit über die Grenzen des gewöhnlichen Menſchenalters hinaus, und ſelbſt da, als das hohe Alter ſeine Kraſt erſchöpft, wiederholte er noch dieſelben bibliſchen Geſchichten, wie er ſie früher ſo oft vorgetragen.

Eine große, unausſprechliche Freude empfand der Greis, als er in den letzten Tagen der Verwaltung ſeines Amies ſah, daß der gute Same, den er ſeit Jahren ausgeſtreut, in ſeiner kleinen Gemeinde Wurzel gefaßt hatte, herrlich emporblühte, und eine ſchöne, geiſtige Erndte verſprach. Mehr als ein profaner Mann, mehr als eine träge, ſchläfrige Zuhörerin, mehr als ein leichtfinniger junger Menſch begann die heilbringenden Worte zu faſſen und ein beſſeres, religiöſes Leben zu führen. Ein junger Pre⸗ diger aus einem benachbarten Orte wollte ſich mit eigenen Augen von den glücklichen Reſultaten des Wirkens ſeines alten Antsgenoſſen überzeugen. Als er in die kleine Kirche trat, fand er ſie angefüllt mit Gläubigen, die in ernſter Andacht auf die Worte ihres würdigen, greiſen Predigers hörten. Vater Morris vermochte ſeine Bewegung nicht zu unterdrücken, als er die Augen von der Bibel erhob, und die Andacht ſeiner Gemeinde gewahrte.

Als der Greis den Pflichten ſeines Amtes genügt, trat der junge Prediger zu ihm.

Vater, ſagte er gerührt, Sie können mit dem alten Simeon aus⸗ rufen:Jetzt, Herr, laß Deinen Knecht in Frieden dahinfahren, denn meine Augen haben deine Herrlichkeit geſehen!

Gewiß, gewiß! ſagte der Greis, indem Thränen ſeinen Augen entſtrömten und ſein ganzer Körper vor ſeliger Rührung zitterte.

Einige Jahre ſpäter ging dieſer ſchlichte, treuergebene Diener des Herrn und Heilandes zum ewigen Frieden deſſen ein, den er von ganzer Seele liebte. Sein Name wird nur wenig noch genannt, und in kurzer Zeit wird auch ſein Andenken und ſein beſcheidenes Grab vergeſſen ſein. Aber Er, der aller ſeiner Knechte gedenkt, wird ewiglich dieſen treuen, guten Diener nicht vergeſſen!

Druck und Sterevtypie von Philipp Reclam jun. in Leipzig.