136 Das Maiblümchen.
Dann erzählte er mit einer von Thränen erſtickten Stimme den Tod des Lazarus, wie man nach Jeſus ſchickte, der nicht kam; wie Alle dar⸗ über erſtaunten und ſich wunderten— und ſo ging er mit einer Wahrheit auf die Einzelheiten ein, daß man hätte glauben mögen, der Prediger ſei ein Augenzeuge aller dieſer Begebenheiten geweſen. Die Hörer wurden dergeſtalt hingeriſſen, daß ſie faſt in den Jubel über die Wiederbelebung des Todten mit eingeſtimmt hätten.
Seine Manier, bibliſche Erzählungen auszumalen, übte auf ſeine guten, ſchlichten Zuhörer eine große Wirkung aus. Dies war vorzüglich in den ländlichen Geſellſchaften der Fall, die in Neu⸗England unter dem Namen „Conferenz⸗Meetings“ bekannt ſind. Hier ſprach er mit dem vollen Feuer ſeines lebhaften Geiſtes, und die Bibel wurde bei ſeinem Vortrage zu einer Gallerie amerikaniſcher Gemälde. Eine beſondere Vorliebe hegte er zu den Evangeliſten, er folgte mit ihnen Schritt um Schritt der Bahn des Erlöſers, hing feſt an ſeinen Worten, und wiederholte die Geſchichte ſeiner Handlungen auf Erden mit der tiefen Verehrung eines alten, treu⸗ ergebenen Dieners.
Mitunter geſtaltete er ſeine Erzählung auch zu einer praktiſchen Nutzanwendung, wie man aus folgendem Beiſpiele erſehen wird. Er hatte nämlich bemerkt, daß mehrere und oft auch viel Mitglieder dieſer Meetings die Verſammlungen nicht regelmäßig und pünktlich beſuchten. Einſt, als ein ziemlich zahlreiches Auditorium verſammelt war, ergriff er die Gelegen⸗ heit, um über das Conferenz⸗Meeting zu ſprechen, zu dem ſich die Jünger nach der Auferſtehung eingefunden hatten.
— Aber Thomas war nicht unter ihnen! rief der Greis in einem kläglichen Tone. Warum war Thomas nicht gekommen? Vielleicht des⸗ halb, fügte er hinzu, indem er einen vielſagenden Blick auf einen der nicht⸗ eifrigen Zuhörer warf, weil Thomas ein kaltes, gefühlloſes Herz hatte und fürchtete, daß man ihn zum Sprechen des erſten Gebetes auffordern würde— oder vielleicht auch deshalb, fuhr er mit Bezug auf einige Farmer fort, weil Thomas die ſchlechten Wege ſcheute oder zu ſtolz geworden war, in ſeinem alten Rocke zu erſcheinen! Auf dieſe Weiſe bezeichnete er nun die gewöhnlichen Entſchuldigungen, und ſchloß, hingeriſſen von ſeiner Bewegung mit den Worten:
— Aber denkt daran, was Thomas verloren hat! Denn Chriſtus trat plötzlich zu den Verſammelten, und blieb unter ihnen! Wie traurig muß Thomas geweſen ſein, als er dies erfahren hat!
Dieſe Auseinanderſetzung verfehlte ihren Zweck nicht: die leeren Plätze waren eine Zeit lang beſetzt.
Ein anderes Mal erzählte Vater Morris die Salbung des Königs David. Er berichtete, daß Samuel nach Vethlehem gegangen und in das Haus Jeſſe's mit den Worten getreten ſei: Wie geht es Euch, Jeſſe? dar⸗ auf habe Jeſſe ihn erſucht, ſich niederzulaſſen; Samuel aber habe geſagt, er habe nicht eine Minnte Zeit, denn er ſei von dem Herrn geſandt, einen ſeiner Söhne zum Könige zu ſalben. Nun habe Jeſſe den größten und ſchönſten gerufen; Samuel aber hätte geſagt, der iſt es nicht!— Nun hätte Jeſſe alle ſeine Kinder zur Auswahl hereingebracht. Darauf hätte Samuel gefragt: Jeſſe, habt Ihr nicht noch ein andres Kind?— Gewiß, Samuel, ich habe noch den kleinen David, der draußen das Vieh hütet.— Nun ſei David gekommen, und Samuel habe ihn das heilige Oel gleich


