Das Maiblümchen. 135
lich ſeine„Hm, Hm!“ die er mit ſeiner tiefen Stimme in allen Abwech⸗ ſelungen ausſtieß, den größten Spaß machten.
Als er einmal ſein unvergleichliches„Hm, Hm!“ ausſtieß, flog zu⸗ füllig die Thür des Wohnzimmers auf; da rief mir einer meiner durch⸗ triebenen Brüder zu:„Karl, Karl, der Vater Morris hat die Thür auf⸗ gehemmt!“ Dann brach ein lautes Gelächter los, in das ich ebenfalls mit einſtimmte.
Aber der folgende Tag iſt ein Sonntag. Der Greis beſteigt die Kanzel. Er ſteht heute nicht vor ſeiner kleinen Gemeinde, er predigt nicht nur vor Bauern und Ackerknechten— heute iſt der Gouverneur zugegen, der Richter R., der Rath P., kurz, die Verſammlung beſteht aus gebil⸗ deten Männern. Der Vater Morris erhebt ſich— er kümmert ſich nicht um die Zuhörer, er denkt nur, wie er zu ſich ſelbſt ſagen würde:„Jeſus Chriſtus iſt gekreuzigt.“ Er beginnt eine Stelle aus der heiligen Schrift zu erklären, vielleicht den Gang nach Emaus, oder ein Geſpräch des Er⸗ löſers mit ſeinen Jüngern. Da ſicht man im Geiſte die Orte und die Handlungen, man hört die Worte, als ob ſie Perſonen des gewöhnlichen Lebens ausſprächen. Der Weg nach Emaus wird zu einer gewöhnlichen Landſtraße Neu⸗England's mit ihren Schlagbäumen, Meilenſteinen, Stein⸗ haufen, Brücken und Wegegeldeinnahmen. Dann erſcheinen die Jünger, zögernd, betrübt, erſchreckt— Alles wird in einer Sprache geſchildert, wie man ſie täglich am Kaminfeuer hört. Der Zuhörer lächelt, iſt überraſcht; aber er wird gerührt, und die Illuſion vermehrt ſich mit jedem Augenblicke. Man ſieht den herannahenden Fremden, man hört die myſtiſche Unterhal⸗ tung, die je mehr an Intereſſe gewinnt, je länger ſie dauert. Aehnlich einem amerikaniſchen Dorfe mit Kirche und Glockenthurm erhebt ſich Emaus in der Ferne. Der Hörer folgt den Wandrern, tritt mit ihnen in das Haus, und erwacht nur dann aus ſeiner geträumten Welt, wenn der Pre⸗ diger unter heftigem Weinen ruft:
— Sie ſahen, daß es Jeſus der Heiland war! Jammerſchade, daß, ſie ihn nicht früher erkannt haben!
Nach einer Predigt über dieſen Tert aus der heiligen Schrift fragte der Gouverneur Griswald beim Hinausgehen aus der Kirche einen ſeiner Bekannten:
— Sagen Sie mir gefälligſt, wer iſt dieſer Prediger?
— Der Prediger iſt ja der Vater Morris!
— Ein ſeltſamer Mann, aber auch Genie! Zu meiner großen Ver⸗ wunderung habe ich vorhin die Entdeckung gemacht, daß ich ohne beſon⸗ dern Nutzen die Bibel geleſen, denn mir ſind alle jene Einzelnheiten ent⸗ gangen, die der Prediger ſo intereſſant ſchilderte.
Später hörte ich ihn die Geſchichte von Lazarus in ſeiner eigenthüm⸗ lichen Weiſe vortragen. Zuerſt ſchildert er den großen Lärm, der ſich in der Stadt Jerufalem erhebt, und fagt ganz einfach, der Heiland habe das Getöſe oft recht ſatt gehabt und geäußert, es ſei ein ſehr unangenehmes Geſchäft, unaufhörlich vor Leuten predigen zu müſſen, die ſelten ein Wort von der ganzen Predigt behielten. Dann theilte er mit, daß der Heiland Abends zu ſeinen Freunden in Bethanien zum Beſuch gegangen ſei. Und nun ſprach er von dem Hauſe Martha's und Maria's: es iſt ein kleines, weißes Haus unter Bäumen, man kann es ganz gut von Jeruſalem aus ſehen— hier fand man den Heiland mit ſeinen Jüngern jeden Abend bei Martha, Maria und Lazarus.


