Das Maiblümchen.
Der alte Vater Morris.
GEine Zeichnung nach dem Leben.
Von allen außergewöhnlichen Menſchen, die mich als Kind mit Stau⸗ nen erfüllten, gedenke ich heute keines mit ſo lebhaftem Intereſſe, als des alten Mannes, deſſen Name der Titel dieſer Skizze iſt. Zur Zeit, als ich kannte, war er der bejahrte Prediger eines unbedeutenden Dorfes in
eu⸗England. Er hatte eine gute Erziehung genoſſen, beſaß großen Scharfſinn, eine lebhafte Phantaſie und ausgebreitete, gründliche Kenntniſſe; aber die ſeit frühſter Zeit ausgeübten Gebräuche des Pfluges und des Landlebens hatten in ihm ſo feſt Wurzel gefaßt, daß die Reſultate ſeiner ſpätern Studien mit dieſen eingeroſteten Gewohnheiten eine ſo ſeltſam innige Miſchung bildeten, die in der That keinen Vergleich geſtattet.
Er war ein ächter Neu⸗Engländer, und welches auch immer die Quelle ſeines Schöpfens geweſen ſein mochte, alle ſeine Aeußerungen kleidete er in die Yankee⸗Form, er trug ſie mit den ausgeprägteſten Provinzialismen des Mankee vor.
Von dieſem ſeltſamen Manne ein genaues Portrait liefern zu wollen, würde ein unnützes Bemühen ſein; aber die flüchtigen Züge einer leicht hingeworfenen Skizze können vielleicht die Einbildungskraft unterſtützen, ſich eine ſchwache Vorſtellung zu machen. Diejenigen, die den alten Vatet Morris geſehen und gehört haben, mögen ſich an ihre eigene Erinnerung wenden.
Der Leſer möge ſich einmal unter ein halbes Dutzend Kinder ver⸗ ſetzen, die laut ſchreien:
— Vater Morris kommt!
Nun laufe man an das Fenſter oder an die Thür: da ſieht man einen
großen, ſtarken Mann, der ein Paar Satteltaſchen über dem einen Arme
trägt, ſein altes Pferd mit der rechten Hand anbindet, und dann bedächtig auf das Haus zukommt. In ſeinem vollen, friedlichen Geſichte ſtrahlen ein Paar große, runde, blaue Augen, die mit einer Art träumeriſcher Auf⸗ merkſamkeit alle ihn umgebenden Gegenſtünde betrachten. Wenn er ſeinen Hut abnimmt, ſo zeigt ſich eine weiße Perrücke, deſſen friſirte Locken rings den Kopf ſchmücken. Nun geht er zu den Kindern, die ihn anſtarren, legt ſeine derbe breite Hand auf das Haupt eines kleinen Mädchens und fragt in einem tiefen Baſſe: — Wie geht es Dir, mein Kindchen? Iſt Papa zu Hauſe?
Das Lochtetchen läuft dann gewöhnlich mit einem lauten Lachen da⸗ von. Vater Mortis geht nun in das Haus. Als ob er unter ſeinem eigenen Dache wäre, nimmt er zwanglos ſeine Perrücke ab, trocknet mit dem Schnupftuche den Schweiß aus ſeinem großen Geſichte, nimmt was er braucht, und fordert, was ihm nicht geradezu in die Hand fällt.
Ich entſinne mich noch heute, wie wir durch die Spalte der Thür lauſchten, und alle ſeine Bewegungen beobachteten, und wie uns vorzüg⸗


