Das Maiblümchen. 131
fern. Die Dame prüfte die Arbeit, und händigte Helenen das Geld da⸗ für ein. Als die Näherin Dienſtags das ſechſte Hemd ablieferte, fand ſie die Dame in einer ſehr übeln Laune. Sie hatte nämlich die Arbeit noch einmal genau geprüft und gefunden, daß die Hemden in ihren wichtigſten Theilen nicht nach der Vorſchrift, die ſie ertheilt zu haben glaubte, an⸗ gefertigt ſeien. Sie gab der armen Helene heftig ihre Unzufriedenheit zu erkennen. — Warum ſind dieſe Hemden nicht nach der Vorſchrift gemacht? fragte ſie barſch. — Mutter hat ſie genau nach dem Probehemde zugeſchnitten, ant⸗ wortete Helene ruhig. — Dann muß Deine Mutter nicht recht bei Sinnen geweſen ſein, daß ſie mir ein ſolches Ding zugeſchnitten hat. Nimm Alles zurück, und Sorge, daß es geändert werde.
Nun gab die Dame eine Anweiſung, von der weder Helene noch ihre
Mutter früher auch nur ein Wort gehört hatten. Helene war nicht an eine ſo heftige Sprache gewöhnt, ſie nahm erſchreckt die Arbeit und ging langſam nach ihrer Wohnung zurück. — Guter Gott, wie ſchmerzt mich der Kopf! flüſterte ſie vor ſich hin. Und meine arme Mutter ſagte mir dieſen Morgen ſchon, daß ſie einen Rückfall der Krankheit fürchte! Nun ſollen wir die ganze Arbeit wieder aufmachen und von neuem beginnen.
Sie trat in das Zimmer.
— Mutter, ſagte ſie traurig, Mrs. Rudd will die Hemden ſo nicht behalten, wir ſollen die Kragen abtrennen, und ſie anders aufſetzen. Sie meint, ſie wären nicht nach dem Muſter geſchnitten, das ſie uns geſchickt hat. Sieh' nur, der Schnitt iſt genau derſelbe. — Nimm das Muſter, mein Kind, bringe es ihr und überzeuge ſie, daß ſie ſich irrt. m— Ach, Mutter, ſie war ſo böſe mit mir, daß ich mich fürchte, noch ein al zu ihr zu gehen.
— So werde ich ſtatt Deiner gehen, ſagte ein junges Mädchen, das während Helenen's Abweſenheit der Mrs. Ames Geſellſchaft geleiſtet hatte. Ich werde ihr die Hemden und das Muſter zeigen, und kein Blatt vor den Mund nehmen, denn ich fürchte mich nicht vor ihr.
Mary Stephens war eine Schneiderin, die mit Mrs. Ames in dem⸗ ſelben Stocke wohnte, ein fröhliches, ſtets ſingendes, aber entſchloſſenes
Mädchen, und dabei immer bereit, ihren Nachbarn zu helfen. Während ſie noch dieſe Worte ſprach, ergiff ſie die Sachen und entfernte ſich, um das Geſchäft abzumachen.
Obgleich Mrs. Ames durch dieſe Liebloſigkeit ſich tief verletzt fühlte, ſo verſuchte ſie dennoch, Helenen darüber zu tröſten. Als ſie fühlte, daß ihr die Thränen in die Augen kamen, wandte ſie ſich von ihrer Tochter ab, und betrachtete das ausgebleichte Miniatur⸗Portrait, das über dem Schreibtiſche hing.
— Als er noch lebte, flüſterte ſie ſeufzend vor ſich hin, wußte ich nicht, was Armuth oder Entbehrung iſt.
Wieviel arme Wittwen denken nicht täglich daſſelbe!
Den größten Theil der Woche mußte die arme Mrs. Ames im Bette bleiben. Der Arzt verordnete, durchaus nicht zu arbeiten, ſondern ſtets der Ruhe zu pflegen. Dieſer Verordnung hätten wohlhabende Leute leicht


