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Das Maiblümchen / Harriet Stowe, geb. Beecher
Entstehung
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Das Maiblümchen.

nachkommen können; aber hier, wo die Armuth Alles beherrſchte, war ſie ein Krge ſrege Gebot.

elene gab ſich die größte Mühe, um durch eine ſorgfältige Pflege die Mutter das Traurige der Lage vergeſſen zu oſ. die Mutter ſich ängſtlich nach ihrer Geſundheit erkundigte, antwortete ſie auf die Fragen: ich befinde mich wohl, der opſſchmenz iſt ſehr gelind. Er⸗ muthigungen aller Art folgten dieſen Worten. Während der Stunden, welche die Mutter bei Tag oder Nacht ſchlief, vollendete ſie eine von den aufgetragenen Arbeiten, mit deren Ertrage ſie der Kranken eine Ueber⸗ raſchung zu bereiten gedachte.

Mit einigen dieſer vollendeten Arbeiten ging Helene eines Abends zu

Mrs. Page.

Tafür werde ich einen Dollar erhalten! dachte ſie freudig. Dann

kaufe ich Wein und Medizin.

Eine vortreffliche Arbeit! ſagte Mrs. Page, indem ſie die Hemden betrachtete, die Helene ihr gereicht hatte. Hier ſind noch andere, die Du mir eben ſo fertigen magſt, mein Kind.

Helene ſah Mrs. Page an, in der Hoffnung, den Lohn für die Arbeit zu erhalten; die Dame aber holte ein Muſter aus der Kommode, erklärte noch einmal, wie die Arbeit gemacht werden ſollte, und entließ die arme

Näherin, ohne des ſo ſchmerzlich erwarteten Dollars mit einem Worte zu erwähnen. Als Helene ſich ein wenig von ihrer Ueberraſchung erholt hatte, verſuchte ſie einige Mal zurückzukehren; aber ehe ſie noch recht überlegt, was ſie ſagen ſollte, war ſie ſchon auf der Straße.

Mrs. Page war eine ſanfte und liebenswürdige junge Frau; da ſie aber gewohnt war, über große Summen Geldes zu verfügen, hatte ſie keine Ahnung davon, daß ein einzelner Dollar irgendwie ein wichtiger Ge⸗ genſtand ſein konnte. Helene vollendete die neue Arbeit in möglichſt kurzer

Friſt. In der Hoffnung, den erſten Dollar nun ebenfalls zu erhalten,

lieferte ſie die Sachen ab. Aber wie wurde die Arme getäuſcht:

Ich werde morgen das Geld ſchicken, ſagte Mrs. Page, als Helene iieen um den Lohn gebeten hatte. DasMorgen kam, aber das Geld lieb aus. Nach wiederholter Mahnung erhielt ſie endlich die beiden klei⸗ nen Summen.

Aber dieſe Schilderungen ſind wohl ſchon lang genug, wir wollen uns beeilen, ſie zu ſchließen.

Mrs. Ames fand endlich großmüthige Freunde, welche die Zartheit ihrer Denkweiſe und die Liebenswürdigkeit ihres Charakters erkannten und ſchätzten. Durch die Unterſtützung dieſer Freunde ward es ihr möglich, ſich in eine beſſere Lage zu verſetzen. Wie glücklich war die zarte Helene und die gute Mary, als ſie mit der Mutter in einer größern und bequemern Wohnung Abends am flackernden Kaminfeuer ſaßen und gemeinſchaftlich den Thee tranken. Wie glücklich waren die guten Menſchen, als ſie nach ſchweren Prüfungen endlich in eine Lage kamen, die einen mildern Contraſt zu ihrem frühern Wohlſtande bildete.

Wir haben dieſe Skizzen nach dem wirklichen Leben gezeichnet, da wir wohl nicht mit Unrecht vorausſetzen, daß die Arbeitgeber im Allgemeinen

zu wenig die Arbeitnehmer berückſichtigen, die größtentheils in ähnlichen drückenden Verhältniſſen leben, wie die arme Wittwe. Die Ertheilung von Arbeit bildet den wichtigſten Act der Wohlthätigkeit, weil ſie diejenige Klaſſe der Armen unterſtützt, die den größten Anſpruch auf Unterſtützung