Das Maiblümchen.
drei Dollars, obgleich die Arbeit die Hälfte mehr werth war. Dieſe drei Dollars waren das ganze Vermögen Helenen's und ihrer Mutter.
— Nun ſage Deiner Mutter, fuhr die Dame fort, daß mir ihre Arbeit zwar gefällt, daß ich ſie aber ferner nicht mehr werde beſchäftigen können, da ſich wohl eine Perſon findet, die billiger iſt.
Man wird Mrs. Elmore für eine hartherzige Frau halten— ſie iſt es nicht. Wenn Helene für ihre kranke Mutter die Mildthätigkeit der Dame in Anſpruch genommen hätte, ſo würde ſie ihr einen Korb mit Le⸗ bensmitteln, eine Flaſche Wein, ein Paket alter Kleidungsſtücke, und ähn⸗ liche in ſolchen Fällen übliche Sachen gegeben haben; aber der Anblick einer Rechnung erweckte die inſtinktmäßige Genauigkeit der Kaufmannsfrau. Sie dachte nicht daran, pünktlich zu zahlen, ſie erachtete es vielmehr für eine Pflicht der Oekonomie, ſo wenig an Löhnen auszuzahlen, als nur möglich. Als Mrs. Elmore noch in der Spring⸗Street wohnte, brachte die Familie den größten Theil der Zeit im Hauſe zu, und die weiblichen Mitglieder derſelben beſorgten die Nähearbeiten ſelbſt; ſeit ſie aber das große Haus bezogen, Pferde und Wagen angeſchafft hatten, wa⸗ ren die jungen Damen ſo ſtolz geworden, daß ſie ſich der Anfertigung ihrer eigenen Sachen ſchämten. Die Zeit der Mutter ward von der Ueberwachung des ausgebreiteten Hausweſens völlig in Anſpruch genom⸗ men. Die Nähereien wurden nun von andern Leuken beſorgt, und Mrs. Elmore glaubte nicht genug thun zu können, um ſich als eine tüchtige Wirthin zu zeigen. Deſſen ungeachtet waren Mutter und Töchter ſo eigen, daß ſie den Schnitt und die Stoffe ihrer Kleidung ſtets nach der Mode wählten, und die Anfertigung derſelben nur den beſten Arbeitern übertrugen.
Mrs. Elmore dachte nicht daran, daß ſie die Pflicht des Wohlthuns gegen arme Leute verletze; aber ſie hatte auch nie bedacht, daß die Klaſſe der Armen, die nie eine Bitte ausſprechen, die der Theilnahme am wür⸗ digſten iſt. Sie hatte nie in Betracht gezogen, daß ſie viel mildthätiger ſei, wenn ſie die Perſonen reichlich bezahle, die ſich anſtändig und unab⸗ hängig zu ernähren ſuchen, als wenn ſie einer Menge Bettlern Al⸗ moſen reicht.
— Denke Dir, Mutter, berichtete Helene bei ihrer Rückkehr, Mrs. Elmore ſagt, unſere Rechnung ſei zu hoch. Sie muß nicht wiſſen, daß dieſe Hemden viel Arbeit erforderten. Sie ſagt, ſie könne ferner nicht mehr bei uns arbeiten laſſen, ſie wolle ſich Jemand ſuchen, der billiger wäre. Es iſt mir unbegreiflich, wie Leute, die in ſo ſchönen Häuſern
wohnen und ſo koſtbare Sachen beſitzen, ſagen können, ihnen fehlen die
Mittel, unſere Arbeit nach Verdienſt zu bezahlen.
— Mein Kind, reiche Leute ſind zu Einſchränkungen ſtets geneigter,
als ſolche, die einfach leben.
— Ganz recht; aber wir können doch deshalb den Preis unſerer mühſamen Arbeit nicht verringern.
— Aengſtige Dich deshaib nicht, ſagte ſanft die Mutter. Es iſt be⸗ reits von einer andern Dame Arbeit angelangt, die uns wohl die Miethe und etwas darüber einträgt, um Brod zu kaufen.
Wir übergehen die einzelnen Vorrichtungen, die zur Anfertigung von ſechs feinen Hemden erforderlich ſind, und berichten nur, daß Sonnabends Abend fünf derſelben vollendet waren. Helene beeilte ſich, ſie der Be⸗ ſtellerin zu überbringen, und verſprach, Dienſtag früh das letzte abzulie⸗


