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Das Maiblümchen / Harriet Stowe, geb. Beecher
Entstehung
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Das Maiblümchen. 129

Seit zwei Tagen befand ſich Mrs. Ames beſſer. Sie ſaß in ihrem Lehnſtuhle, und arbeitete mit der größten Anſtrengung an einigen Hemden, deren Anfertigung ihr aufgetragen war.

Das Geld für dieſe Arbeit wird gerade die Miethe decken, ſagte ſie ſeufzend. Wenn wir dieſe Woche noch ein wenig arbeiten können,

Mutter, Du biſt ſo erſchöpft, ſagte Helene lege Dich in das Bett und mühe Dich in meiner Abweſenheit nicht mehr ab.

Helene ging aus. Nach einem kurzen Gange blieb ſie vor einem Hauſe ſtehen, deſſen elegantes Aeußere auf einen reichen Vewohner ſchließen ließ.

In einem prächtigen Zimmer dieſes Hauſes ſaß Mrs. Elmore; zwei junge Mädchen waren emſig bemüht, verſchiedene Mode⸗Artikel vor ihr auszubreiten.

Ach, dieſer wunderſchöne blaßrothe Shawl! rief die Eine, indem ſie ſich damit ſchmückte und vor den Spiegel trat.

Und dieſe Taſchentücher, Mutter! Welche köſtliche Spitzen! rief die Andere.

Nein, Kinder, rief Mrs. Elmore, der Ankauf dieſer Taſchentücher wäre die größte Verſchwendung ich kann nicht begreifen, daß Ihr ſolche Dinge haben wollt!

Ach, Mutter, man trägt ſie jetzt allgemein. Laura Seymour hat ein halbes Dutzend, die noch theurer ſind, als dieſe und ihr Vater iſt doch nicht ſo reich, als der unſrige.

Ob reich oder nicht reich, das thut nichts zur Sache! antwortete Mrs. Elmore. So lange wir dieſes Haus haben, brauchen wir mehr Geld, als in der kleinen Wohnung der Spring⸗Street. Mit der Vermeh⸗ rung unſers Mobiliars ſcheinen ſich auch Eure Anſprüche vermehrt zu haben, denn Alles, was Ihr ſeht, wollt Ihr kaufen wir ſind jetzt ärmer, als früher.

Ein Diener öfſnet die Thür, und meldet, daß die Tochter der Mrs. Ames die Nähearbeit bringe.

Sie ſoll eintreten! ſagt Mrs. Elmore.

Helene tritt ſchüchtern ein, und überreicht Mrs. Elmore das Paket mit der Arbeit. Die Dame prüft ſogleich die angefertigten Sachen mit Kennerblicken, denn ſie war ſtolz darauf, ſelbſt ſehr gut zu nähen. Aber obgleich die Arbeit nur mit ſchwachen Händen und kranken Augen gefer⸗ tigt war, ſo fand ſie die Dame dennoch völlig tadellos.

Vortrefflich! rief ſie aus. Was fordert Deine Mutter?

Helene überreichte eine ſorgfältig zuſammengelegte Rechnung, die ſie im Namen der Mutter geſchrieben hatte.

Mein Kind, ich muß bekennen, daß mir die Preiſe Deiner Mutter ſehr hoch vorkommen, ſagte Mrs. Elmore, indem ſie ihre faſt leere Börſe prüfte. Es iſt jetzt Alles ſo theuer, daß man kaum noch leben kann.

Mit der Miene unſchuldigen Erſtaunens ſah Helene die ausgebreiteten Modeſachen und das prachtvolle Zimmer an.

Ah, fuhr Mrs. Elmore fort, Du meinſt, ich merke es wohl, daß Leute unſers Standes nicht ökonomiſch zu ſein brauchen! Aber ich fühle es täglich mehr, wie nöthig uns die Oekonomie wird.

Bei dieſen Worten gab ſie Helenen die laut Quittung geforderten

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