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Das Maiblümchen / Harriet Stowe, geb. Beecher
Entstehung
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128 Das Maiblümchen.

Sie erinnert ſich nämlich, daß der Monat bald zu Ende iſt, und um die Miethe pünktlich zahlen zu können, ergreift ſie, trotz ihrer völligen Ab⸗ ſpannung, die Arbeit. Aber bald iſt ſie von dem Nähen und Zuſchneiden ſo erſchöpft, daß ſie in die Lehne des Stuhls zurückſinkt. Ihre Blicke richten ſich auf das magere Geſicht der Tochter, die ſeit zwei Stunden eifrig gearbeitet hat.

Helene, fagte ſie, mein liebes Kind, Du haſt Kopfſchmerzen ſtrenge Dich nicht ſo an. 13

Nein, Mutter, der Schmerz iſt ſehr unbedeutend, antwortet ſie raſch und unbefangen, um die Mutter in dem Gedanken zu beſtärken, daß das Leiden nicht heftig ſei.

Armes Kind! Wenn ſie in der Lage, in der ſie geboren, geblieben wäre, ſo würde ſie jetzt nicht an den Stuhl gefeſſelt ſein, ſondern draußen ſpielen und ſich des Lebens freuen, wie andere junge Mädchen von funfzehn Jahren; ſie würde Umgang mit hübſchen Gchoſſtunen pflegen, und Be⸗

ſuche abſtatten und annehmen jetzt hat ſie Nichts, die arme Verlaſſene,

ein kurzer, einſamer Spaziergang iſt ihre einzige Erholung. Der Morgen wie der Abend bringt entweder 4o noch muß ſie unausgeſetzt in gleicher Thätigkeit bleiben. Das iſt traurig für ein junges Mädchen von funfzehn Jahren!

Doch ſieh', da öffnet ſich die Thür, und das Geſicht der Mrs. Ames verklärt die Freude, denn Mary, ihre andere Tochter, tritt ein. Marh dient als Magd bei einer benachbarten Familie, wo ſie, ihrer Treue und Herzensgüte wegen, mehr als eine Tochter und Schweſter, als eine Dienerin gehalten wird.

Hier, Mutter, iſt Geld zur Hausmiethe! ruft ſie aus. Jetzt lege Deine Arbeit fort, und tuhe ein wenig aus. Ich verdiene ſo viel, daß ich Dir die Summe für den nächſten Termin ſchon früher als nöthig bringen kann.

Mein gutes Kind! ſagt Mrs. Ames. Behalte doch etwas für Dich zurück. Ich kann es nicht über mich gewinnen, Deine und Helenen's Erſparniſſe noch ferner zu verwenden Du brauchſt zum Frühjahr ein neues Kleid und einen neuen Hut.

O nein, liebe Mutter, ich habe meinen Hut neu überzogen Du wirſt Dich wundern, wie hübſch er wieder geworden iſt. Und wenn mein beſtes Kleid ſorgfältig ausgebeſſert und gewaſchen wird, kann ich es noch einige Zeit tragen. Außerdem hat mir Mrs. Grant ein ſchönes Band geſchenkt, das ſ auf meinem Hute ganz hübſch ausnehmen wird. Hier habe ich auch einige Flaſchen Wein mitgebracht, denn der Arzt ſagt, daß er Dir nöthig wäre.

Mein Kind, bereite Dir doch ſelbſt einmal eine kleine Freude! Die Froude, Dich unterſtützen zu können iſt größer, als wenn ich die ſchönſten Kleider von der Welt trüge.

Zwei Monate nach dieſem Geſpräche befindet ſich unſere kleine Familie in noch gedrücktern Verhältniſſen, als früher. Während der ganzen Zeit

pfſchmerzen oder Seitenſtechen, und den⸗

hatte Mrs. Ames krank im Bette gelegen, und Helene hatte alle ihre

Zeit und Kraft zur Pflege der Kranken verwenden müſſen. An die Arbeit

war demnach wenig zu denken geweſen. Mary hatte nicht nur ihren

laufenden Lohn, ſondern auch einen Vorſchuß auf die nächſten zwei Monate, den ſie von ihrer Herrſchaft erhoben, ausgegeben.