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Das Maiblümchen / Harriet Stowe, geb. Beecher
Entstehung
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Das Maiblümchen. 127

kleine Schenktiſch in der Ecke, auf dem einige Taſſen von chineſiſchem Por⸗ zellan, und zwei alte ſilberne Theelöffel, theure Ueberbleibſel beſſerer Tage, prangen, iſt ſorgfältig und geſchmackvoll geordnet; die alten Fenſtervor⸗ hänge von weißem Mouſſeline ſind ſorgfältig gewaſchen, geſtärkt, ſauber geplättet, und ſtreng nach der Symmetrie über dem Fenſter angebracht. Auf dem Schreibtiſche, der mit einem ſchneeweißen Tiſchtuche bedeckt iſt, ſind einige Bücher und kleine Gegenſtände der Kunſt oder Phantaſie ord⸗ nungsmäßig aufgeſtellt. Darüber hängt ein kleines Bild, deſſen Farben zwar verblichen ſind, das aber dennoch für die arme Wittwe der koſtbarſte von allen Gegenſtänden iſt.

Mrs. Ames ſitzt in ihrem Lehnſtuhle; ein Rückenkiſſen ſtützt ſie bei der emſigen Arbeit des Zuſchneidens; ihre Tochter, ein ſchlankes Mädchen mit bleichem, leidenden Geſichte, ſitzt am Fenſter und näht.

Mrs. Ames war einſt die Gattin eines geachteten Kaufmanns und die Mutter einer Familie, die zärtlich an ihr hing. Aber das Unglück hatte ſie mit einer Beharrlichkeit verfolgt, die eher dem Beſchluſſe eines feindlichen Geſchicks, als der Fügung einer gütigen Vorſehung glich. Zu⸗ erſt erlitt das Geſchäft beträchtliche Verluſte, dann ſtellten ſich langwierige und koſtſpielige Familienkrankheiten ein, die mehrere Kinder hinwegrafften, dann mußte das Haus mit ſeiner ganzen Einrichtung verkauft werden, und man bezog eine höchſt beſcheidene Wohnung; endlich ward der Reſt des Beſitzthums verkauft, und die Familie verließ das Heimathsland, um jenſeits des Meeres eine neue Eriſtenz zu gründen. Aber kaum hatten die vertriebenen Menſchen den Hafen erreicht, ſo raffte der Tod den Vater hinweg, und ſein Sarg ward der fremden Erde übergeben. Die betrübte und völlig entmuthigte Wittwe hatte noch eine lange Reiſe zurückzulegen, ehe ſie die Perſonen erreichte, die ſie als ihre Freunde betrachten konnte. Trotz der beſchränkten Mittel trat ſie mit ihren beiden Töchtern die Reiſe an, ohne Stütze, ohne Führer.

Sie erreichte zwar den Ort ihrer Beſtimmung; aber ſie befand ſich bei ihrer Ankunft nicht nur ohne alle Hilfs⸗ und Erwerbs⸗Quellen, ſie ſchuldete auch noch eine nicht unbedeutende Summe, die ihr Jemand zu der Reiſe geliehen hatte. Still und geduldig ertrug ſie das Drückende ihrer Lage. Sie mußte ſich von ihren Töchtern trennen, die ſie nun des⸗

halb ſorgfältig erzogen hatte, um ſie als Dienſtmägde unterzubringen.

Sie ſelbſt nahm als Kinderwärterin Dienſte. Da ward auch noch das jüngſte Kind krank, und der ſpärliche Ertrag des mühſeligen Dienſtes wurde von den Koſten der Krankheit verſchlungen, von der ſich zwar das arme Mädchen einigermaßen wieder erholte, die aber, nach dem Ausſpruche des Arztes, nie völlig zu heilen ſein würde.

Als die Kranke ſo weit geneſen war, daß ſie der Pflege nicht mehr bedurfte, ergriff Mrs. Ames die Beſchäftigung einer Näherin. Kaum hatte ſie mit großer Mühe die Rückzahlung der geliehenen Summe, und die Einrichtung des erwähnten kleinen Zimmers ermöglicht, als die Krankheit ſich ihrer ſelbſt bemächtigte. Muthig und feſt widerſtand ſie den erſten Angriffen des Uebels, ſie ſetzte unverdroſſen die Arbeit fort, bis ſie die Kraft völlig verlaſſen hatte. Dieſe zu erſetzen, nahm ſie eine ihrer Töchter aus dem Pienſte zurück. In dieſe Zeit fällt der Beſuch, den der Leſer mit uns der Mutter und der Tochter abſtattet.

Mrs. Ames hat eine Woche lang ihr Bett nicht verlaſſen können; heute, obgleich noch ſehr ſchwach, iſt ſie zum erſten Male aufgeſtanden⸗