126 Das Maiblümchen.
Die Näherin.
Des Lebens höchſten Jammer Und der Entbehrung Noth Empfindet nur der Arme,
Dem fehlt das Stückchen Brod.
Der Reiche ruht auf Seide, Und lebt in Ueberfluß— Was kümmert ihn der Arme, Der leidend wachen muß?
Der Arme ſitzt verborgen Im ſtillen Kämmerlein,
Es fließen ſeine Thränen, Wenn ſich die Reichen freu'n.
Die Leiden der Entbehrung ſuchen nicht nur Diejenigen heim, die in zerriſſenen, beſchmutzten Kleidern, und mit gemeinen, durch die Noth abge⸗ härteten Geſichtern die Spenden der Mildthätigkeit zu empfangen ſtets bereit ſind, ſie nagen auch an Denjenigen, deren Beſcheidenheit und edler Stolz es vorziehen, ſchweigend das harte Loos zu erdulden, als ein Wort der Klage darüber auszuſprechen, daß es ihren Anſtrengungen nicht ge⸗ lingt, die nöthigſten Bedürfniſſe zu befriedigen.
Werfen wir einen Blick in ein kleines Zimmer jenes armſeligen Hauſes, deſſen Fenſter nach einem finſtern Hofe hinausgeht. Es wird von einer Wittwe und ihrer Tochter bewohnt, deren Sub ſtenz von dem Er⸗ trage ihrer Näharbeit und von jenen andern ſpärlichen Hilfsquellen ab⸗ hängig iſt, zu denen Frauen ihre Zuflucht nehmen, wenn ſie allein und ohne Stütze den Kampf mit dem Leben unternehmen müſſen. Der kleine Raum umfaßt den ganzen irdiſchen Beſitzthum ſeiner Bowohnerinnen. Jedes der Geräthe iſt ein Gegenſtand reiflicher Ueberlegung geweſen, denn der Preis der Anſchaffung mußte wohl berechnet werden. Wohin man blickt, herrſcht die größte Ordnung und Reinlichkeit. Die koſtbarſten Meubles eines modiſchen Boudvirs werden ſicherlich nicht ſo ſorgfältig vor Riſſen und Stößen bewahrt, als dieſer einfache, gefirnißte Schreibtiſch, die hübſche Komode und die Bettſtelle von Kirſchbaumhotz. Auch der Fuß⸗ boden hatte ſich früher ſtolz in einen Teppich eingehüllt; aber die geſchäf⸗ tige Zeit hatte hier und dort ein Loch eröffnet, und obgleich raſtloſe Hände ihren Angriffen entgegengearbeitet, ſo war es dennoch unmöglich geweſen, die Spuren des Alters zu verwiſchen. Wenn nun auch ein guter Nachbar hilfreich ein Stück Zeuch hergegeben, das, ſauber zugeſchnitten und geſäumt, das größte Loch gerade dem Kamine gegenüber bedeckte, und wenn auch noch verſchiedene andere Stücken andre Löcher verbargen, ſo war es leider dennoch zu erſichtlich, daß der arme Teppich nicht lange mehr keben konnte.
Trotz der Armuth, zeigt ſich Alles von der freundlichſten Seite. Der


