Das Maiblümchen. 125
Welches iſt nun das wünſchenswertheſte Temparement? Eine ſchwer zu beantwortende Frage. So wie die Macht des Gefühls für alles Edle im Menſchen nöthig iſt, ſo bereitet ſie auch die größte Gefahr. Wer nur auf der glatten Oberfläche nach dem Glücke jagt, ſetzt ſich gefahrloſer in den Beſitz deſſelben als der, der in das Meer des Gefühls hinabtaucht; aber wird das Streben des Letztern mit Erfolg gekrönt, ſo bringt er koſtbare Perlen und Steine empor; vermag er ſich nicht wieder hinaufzuſchwingen, iſt er unwiederbringlich verloren!
Es iſt Sonnabend, die Schule iſt ſo eben aus. Erinnert ſich der Le⸗ ſer wohl noch aus ſeiner Jugendzeit der köſtlichen Ausſicht auf einen langen, heitern Sonnabend-Nachmittag? Wohin gehſt Du? Willſt Du mich be⸗ ſuchen? Wollen wir fiſchen gehen? Dieſe Fragen tönen hier und dort aus dem Haufen froher Kinder. Aber keiner fragk den mürriſchen James, und die, welche ſeine Schweſter beſuchen wollen, wünſchen, daß James nicht da wäre. James merkt Alles; er verſteht das Flüſtern, weiß ſich jede Bewegung zu deuten, und empfindet ſie tief; ernſter und trüber als ſonſt geht er nach Hauſe. Für ihn iſt die Welt finſter, Alle wenden ſich von ihm ab und ſagen, daß er ſelbſt die Schuld daran trage— und dadurch wird die Sache noch ſchlimmer.
Wenn nun die kleine Geſellſchaft ankommt, ſo iſt er mißtrauiſch und aufgereizt; natürlich ſchließt man ihn von Allem aus. Betrübt und ein⸗ ſam ſieht er über den Zaun in den Garten, wo die fröhliche Gruppe ſich ihren Spielen hingiebt— er fragt ſich in Gedanken, warum er wohl nicht ſo iſt, wie jene Kinder dort ſind? Er möchte gern ſo ſein, aber er weiß nicht, wie er es anfangen ſoll. Er blickt um ſich— Alles iſt heiter und ſonnig. Da liegt ſein kleines Blumenbeet, auf dem ſo eben ein Roſenſtrauch ſeine Knospen herrlich erſchloſſen hat— es erſcheint ihm lieblicher als je zuvor.
Auch Mietzchen jagt ſich mit der kleinen Helene durch die blumigen Wege des Gartens; die Vögel hüpfen ſingend in den Zweigen, ein ſanftes Lüftchen küßt die duftigen Blüthen, die ganze Natur lächelt ihn freund⸗ lich an— aber er fühlt ſich unglücklich.
Laßt uns dieſe Scene ändern. Warum iſt jene Verſammlung ſo auf⸗ merkſam, ſo ſchweigend? Wer iſt wohl der Redner? Er iſt unſer alter Freund, der kleine, traurige Schulbube. Jetzt ſtrahlen ſeine Augen Klar⸗ heit und Erkenntniß, ſein Geſicht glüht vor Aufregung, ſeine Stimme tönt köſtlich wie Muſik, und alle Hörer ſind entzückt, hingeriſſen.
Nun geht die Sonne majeſtätiſch, prächtig unter, jener Enthuſiaſt nähert ſich ihm und reicht ihm als einem Freunde die Hand. Er ſchweigt — glücklich, ſelig. Ex fühlt die Poeſie, die von Gott ausgeht, er iſt ſo davon ergriffen, wie Gott will, daß ſie der Geiſt empfinden ſoll.
Dann wieder ſitzt er wachend an einem Krankenbette, und glücklich der Kranke, der einen ſolchen Pfleger hat! Jedem Wunſch genügt er zu⸗ vor; er tröſtet nicht kalt und theilnahmlos, ſondern mit der Zärtlichkeit und Milde eines Engels.
Folgen wir ihm nun in den Kreis der Freunde, ſo ſehen wir, wie ſie ihn achten und lieben. Warum ſagt man ihm das ſo unumwunden, was man keinem Andern auszuſprechen wagt? Warum fühlen Alle in ſeinem Kreiſe, daß er ſie verſteht und ebenſo empfindet, wie ſie empfinden?
Und wenn der Himmel ſeine Thore des Lichts erſchließt, wenn all ſein Erkennen, ſeine Klarheit die Seele erfüllt, wer wird dann der Aus⸗ erkorene ſein? Er, der empfinden kann, oder er, der nicht empfinden kann?
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