„
124 Das Maiblümchen.
man weder das Klopfen der kleinen Herzen, noch das Toben der umher⸗ ſchwärmenden Gedanken vernimmt.
Sieh' rings um Dich. Wer von dieſen Allen iſt der Intereſſanteſte? Iſt es dort der große braunhaarige Knabe mit dem Blicke eines Falken, der ſeine Ellbogen auf das Buch ſtützt und überlegend nach dem Nußbaume ſieht, wie er nach beendigter Schulſtunde ſeine Eichhornfalle aufſtellen ſoll? Oder dort der krausköpfige Bube, der vor unterdrücktem Lachen zerplatzen möchte, weil er draußen ein Huhn in einen Speiſekorb kriechen ſieht? Oder iſt es endlich jener hübſche Knabe, mit den langen, dunkeln Augenwimpern, und den niedlichen Grübchen in den Wangen, der ſich bemüht, einen An⸗
gelhaken in den breiten Nockflügel des Lehrers zu werfen, und jedesmal ſo.
nachdenkend wie Archimedes ausſieht, wenn der gute Mann ſich zu ihm wendet? Nein; dieſe ſind zwar intelligent, aufgeweckt und hübſch, aber wir meinen ſie nicht.
Iſt es vielleicht jenes kleine ſchläfrig ausſehende Mädchen mit den blonden Locken und dem lieblichen friſchen Munde, der einer kaum erſchloſ⸗ ſenen Roſenknospe gleicht? Ihr Fingerhut liegt am Boden, das Nähezeug auf dem Schooße folgt ihm, ihre hellen Aeuglein ſchließen ſich wie Veilchen am Abend und der niedliche Kopf ſinkt ſeitwärts auf die Schulter der Schweſter— die wird es ſein! O nein, auch dieſe nicht.
Nun ſeht dort in jene Ecke; da ſitzt ein Knabe mit traurigen, theil⸗ nahmloſen und dabei faſt bösartigen Mienen. Müßig und faul wie jetzt, iſt er immer, und muß er etwas thun, ſo geſchieht es langſam und mürriſch. Er hat ſo wenig Neigung, ſich in Worten und Handlungen freundlich zu ſehen wie ſein ſtarres, helles Haar geneigt iſt, lockig zu werden. Täg⸗ ich wird er getadelt oder beſtraft, aber täglich wird er mürriſcher und ver⸗ droſſener. Von ſeinen Schulgenoſſen will keiner mit ihm ſpielen, und ge⸗ ſchieht es mitunter, ſo haben ſie es zu beklagen. Der Lehrer ſagt ihm jeden Tag, daß er nicht mehr wiſſe, was er mit ihm beginnen ſolle, daß er ihm mehr zu ſchaffen mache, als die ganze Klaſſe. Dieſen Knaben be⸗ zeichne ich als den intereſſanteſten. Er iſt es, weil er ſich ungefällig zeigt, weil ſeine Angewohnheiten ſchlecht ſind, weil er unrecht handelt, oder doch ſtets ausſteht, als ob er unrecht handelte. Ich nenne ihn intereſſant, weit er durch dieſelben Gemüthsanlagen geworden iſt, was er iſt, durch Anlagen, die auch die Tugend nicht ausſchließen. Der düſtere Ausdruck des Geſichts und der mürriſche Charakter ſind ein Beweis ſeines tiefen Gefühls. Die⸗ ſen Knaben halte ich für den intereſſanteſten.
Den Vater und die Mutter hat ihm der Tod geraubt; aber er hat
noch theilnehmende, freundlich geſinnte Verwandte, die in materieller Be⸗ ziehung reichlich für ihn ſorgen würden, wenn, wie ſie ſich auszudrücken pflegen, der Knabe nur ordentlich und arkig ſein wollte. Warum iſt ſein
Schweſterchen immer fteundlich, gefällig und heiter? fragen ſie. Kann er nicht eben ſo ſein? Sind ſeine Uimſtände nicht dieſelben? O nein, ſo iſt es nicht. In dem Umſtande iſt er von jener verſchieden, daß er ein für alle Regungen tief empfängliches Gemüth beſitzt, während die Schweſter wenig denkt und fühlt. Der Tadel macht ihn traurig, er kann ihn ſo leicht nicht vergeſſen. Trifſt der Tadel die Schweſter, ſo bittet ſie um Verzeihung, und wird ihr dieſe gewährt, ſo iſt Alles vorbei. Ihr Gemüth iſt ſo wenig verwundbar wie das Bächlein, in welchem ſie ſo gern ſpielt. Seine klaren Wellen fließen augenblicklich wieder zuſammen, und murmeln heiter fort,
wie zuvor.


