Das Maiblümchon. 123
Gefühl.
Es giebt drei Arten, die menſhliche Natur zu ſtudiren. Die erſte betrachtet die Menſchen gewiſſermaßen als Inſtrumente, die zur Erreichung verſönlicher Zwecke beſtimmt ſind. Die zweite ſieht ſie als eine Gemälde⸗ Gallerie an, die man bewundert oder belächelt, je nachdem die Carricatur oder das Ideal des Schönen vorherrſcht. Die dritte Art betrachtet ſie als Weſen, die für Leid und Freude empfindende Herzen haben, die man er⸗ heben oder zu Grunde richten kann; als Weſen, die mit uns in geheim⸗ nißvoller, wechſelſeitiger Einwirkung ſtehen, deren gegenwärtiges Leben
vurch das Band gemeinſamer Gefahr, und deren zukünftiges durch eine heilige Ahnung mit uns verbunden iſt; als Weſen endlich, die unſerer Theilnahme und unſers Beiſtands werth ſind, wo wir ihnen auch begegnen mögen.
Wer dieſe letzte Art anerkennt, intereſſirt ſich nicht nur für Menſchen ihrer perſönlichen Eigenſchaften wegen, ſondern auch aus Anlaß der Fähig⸗ keiten, die ihnen als intelligenten, unſterblichen Weſen eigen ſind; in dem Glauben an das, was jeder unſterbliche Geiſt erreicht; in der Furcht vor
den Verſuchungen und Gefahren, denen er ausgeſetzt, und nicht ſelten auch in der Wahrnehmung der Irrthümer und Fehler, die ihn ſeinem Verderben
zuführen. Die zwei erſten Arten hat der größte Theil der Geſellſchaft adoptirt; die letztere aber haben ſich nur einzelne am Lebenshimmel blin⸗ kende Sterne als Amt erkoren, die aus der Höhe herabblicken, um uns zu erinnern, daß wir auf einer Welt des Lichts und der Liebe wandeln. Zu dieſen Sternen gehörte Er, deſſen Aufgang und Niedergang auf
Erden ein„Heil der Nationen“ war; und zu dieſer Klaſſe hat mancher reine und fromm ergebene Geiſt gehört, der, gleich ihm, herrlich ſtrahlte, und gleich ihm in den Himmel verſchwand. Dieſer Klaſſe anzugehören ſehnt ſich mancher, der klar die Göttlichkeit der Tugend erkennt, aber nicht feſt genug iſt, ſie zu erreichen; der, von Selbſtſucht verblendet, mit dem Strome der Geſellſchaft fortgeriſſen wird, aber innig bedauert, daß er in Nichts von ihr ſich unterſcheidet. Dieſe Betrachtungen laſſen ſich zwar nicht unmittelbar auf das Folgende anwenden, aber ihre erſte Anregung liegt darin, und deshalb überlaſſen wir es der Beurtheilung der Leſer, ob
es ſeinen Platz hier finden möge. Tretet an einem warmen Juli⸗Nachmittage mit mir in dieſe Schulſtube. Die Luft iſt ſo ſtill und ſchwül, daß ſich nicht ein Blatt des großen Nuß⸗ baums vor der Thür bewegt. Seit einigen Stunden ſchon hat die Sonne mit ihrer vollen Kraft durch die Fenſter ohne Vorhänge auf die dintenbe⸗ fleckten und zerſchnittenen Tiſche, auf die alten gebrechlichen Bänke und den Sitz der oberſten Gewalt, einen großen Seſſel, geſchienen. Draußen läßt ſich das Gackern der Hühner vernehmen, welche das Her⸗ annahen der Veſperſtunde wittern und ſich zum Aufpicken der Brodkrumen bereit halten, die von den Kindern hinausgeworfen werden. In der Schul⸗ ſtube iſt es ſeltſamerweiſe völlig ruhig, denn die drückende Schwüle lähmt ijede Bewegung. Man kann hier ungeſtört Charakterſtudien anſtellen, da
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