Das Maiblümchen.
erglänzen, als Zeichen der Verweſung, aber auch als eine Verbindung zwiſchen den Lebenden und den Todten.
Als ich langſam von Grabhügel zu Grabhügel ging und die In⸗ ſchriften las, welche mir ſagten, daß mancher thaͤtige, betriebſame Mann, manche geſchäftige, ſorgliche Hausfrau, und manches fröhlich ſchwatzende, halberblühete Kind der irdiſchen Sorge und Freude enthoben war, blieben meine Blicke unwillkürlich an einem halb verwitterten Steine hangen. Die⸗ ſer Stein trug die Inſchrift:„Zum Andenken des Dekans Enos Dudley, der in ſeinem hundertſten Jahre ſtarb.“ Dieſes Epitaphium übte einen um ſo größern Eindruck auf mich aus, da ich die Perſon, an die es er⸗ innerte, einſt recht gut gekannt hatte. In dieſem Augenblicke war mir, als ſähe ich ſeine ſanfte ehrwürdige Geſtalt vor mir, wie ich ſie ſonſt ſo oft geſehen, wenn ſie von dem Sitze der Diaconen, einem engen ſchmalen Plätzchen gleich unter der Kanzel ſich erhob und leiſe an dem Biſchofs⸗ ſtuhle hinſchlich. Ich erinnerte mich noch, wie er jeden Sonntag genau zehn Minuten vor der Zeit ruhig und langſam in die Kirche kam— ich ſah ſeine hohe etwas gebeugte Geſtalt, bekleidet mit ſeinem beſten nuß⸗
braunen Sonntagsrocke; ich ſah die langen Patten und breiten Aufſchläge,
auf deren einem ſtets zwei mit der gewiſſenhafteſten Genauigkeit einge⸗ ſtochene Stecknadeln zu ſehen waren. Wenn er ſaß, reichte der Rand des Betſtuhles gerade bis an ſein Kinn, ſo daß ſein ſilbernes, ruhig freund⸗ liches Haupt darüber emporragte, wie der Mond über den Horizont. Sein Kopf hätte einem Bilde des heiligen Johannes zum Modell dienen können — der Scheidel war kahl und die Schläfe ſchmückte ein Kranz weißer ſchön glänzender Haare,
„Die auf die Schultern ernſt herniederwallten,
Wie weißer Reif die nackten Aeſte
Der halb erſtorb'nen Eiche überkleidet.“ Er war damals ſchon ſehr alt und jeder Zug ſeines geduldigen Antlitzes ſchien zu ſagen:— Herr, mein Gott, worauf warte ich noch?— Aber immer, Jahr für Jahr, war er an demſelben Platze zu ſehen, mit derſelben pflichtgetreuen Pünktlichkeit.
Seinen Gottesdienſt verrichtete er mit der Genauigkeit eines alten Iſraeliten. Niemand hätte ihn zu überreden vermocht, daß es nicht unſchicklich ſei, andern Gedanken nachzuhangen, während der Chor ſang, oder, ſelbſt bei größter Körperſchwäche, ſich vor dem Schluſſe des längſten Gebetes, welches jemals geſprochen worden, niederzuſetzen. Einen argen Gegenſatz brldete er zu ſeinem Collegen, dem Diaconus Abrams, einem feſten, kleinen, trippelnden, behäbigen Manne, der neben ihm zu ſitzen pflegte, mit ſeinem Haar gerade in die Höhe gekämmt, gleich einer kleinen Feuerflamme, mit dem Rock bis oben hinauf feſt zugeknöpft und dem Pſalmbuch in der Hand, während ſeine raſchen grauen Augen ſich erſt nach der einen Seite des breiten Schiffes wendeten, dann nach der andern und zuletzt i nach der Emporkirche, gleich denen eines Mannes, der kraft ſeines Amtes zur Kirche kam und ſich verantwortlich für Alles fühlte, was in dem Hauſe vorging.
Der Amtseifer dieſes guten kleinen Mannes war ein großes Hinder⸗ niß für den Zeitvertreib, den wir Kinder uns zu machen ſuchten, wenn
wir in einer langen Reihe auf einer niedrigen Bank vor der Kanzel ſitzend,
dann und wann beſtrebt waren, in die lange Stunde der Predigt einige Abwechſelung zu bringen und zwar durch allerhand kleine Künſte, indem


