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Das Maiblümchen / Harriet Stowe, geb. Beecher
Entstehung
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befördert, die die Berührung freier Schwarzen mit ihrem menſchlichen Eigen⸗ thum fürchteten, und von ſchwachen oder ſchlecht unterrichteten Leuten im Ror⸗ den gebilligt, die ſich durch ihr Gewiſſen gedrängt fühlten, zur Abſchaffung der Sklaverei mitzuwirken, deren Vorſicht oder Unbekanntſchaft mit der Frage ſie aber verleitete, das von den Sklavenhaltern angeregte Projekt zu acceptiren. Wie nützlich auch für Afrika die Einwanderung von civiliſirten und geſitteten Negern ſein mag, ſo wird doch dett allgemein zugeſtanden, daß es abgeſchmackt wäre, von der Coloniſation die Vernichkung der Sklaverei zu hoffen. Das war auch die Anſicht des Abolitioniſten⸗Konvents, der im Jahre 1833 zu Philadel⸗ phia zuſammentrat und den erſten Impuls zu der Bewegung gab, welche die Republik ſeitdem ergriffen hat.

Der Präſident des Convents, Herr Arthur Tappan, war einer von Den⸗

jenigen, die am freigebigſten zur Gründung des Lane⸗Seminariums beige⸗ ſteuert hatten. Er ſandte die von der Verſammlung beſchloſſene Adreſſe an die

Studirenden ein, und es entſtand darüber bald eine allgemeine Discuſſton. An⸗

fangs erregte der Gegenſtand nür wenig Intereſſe, aber nach und nach loderte

das Feuer auf. Viele von den Studirenden waren in den Sklavenſtaaten gereiſt

oder hatten dort Unterricht ertheilt, mehrere waren die Söhne von Sklaven⸗

haltern und einige beſaßen ſelbſt Sklaven. Sie hatten der Sklaverei Auge zu Auge gegenübergeſtanden und konnten Thatſachen erzählen, grauſenvoller als die Scenen, welche die meiſten unſerer Leſer inUncie Tom's Cabin erſchüt⸗ tert haben. Die Disecuſſion war ſchnell zu Ende, denn Alle waren einer Mei⸗ nung, aber die Zuſammenkünfte dauerten einen Abend nach dem anderen, eine Woche nach der anderen fort. Das Gefühl ſtieg zur Begeiſterung, die ſchwache Flamme verwandelte ſich in einen verzehrenden Brand. Die Sklavenbeſitzer unter den Studirenden gaben ihren Sklaven die Freiheit; der Gedanke, ſich zu

auswärtigen Miſſionen vorzubereiten, wurde von ſich gewieſen, da es daheim ja

noch Heiden gab; Einige verließen ihre Studien, ſammelten die farbige Bevöl⸗ kerung von Cincinnati um ſich und predigten ihr das Evangelium; Andere luden

die jungen Männer zu Abendſchulen und die Kinder zu Tagesſchulen ein und widmeten ſich ihrem Unterricht; noch Andere bildeten wohlthätige Geſellſchaften zu ihrer Unterſtützung und Waiſen⸗Anſtalten für hilfloſe und verlaſſene Kinder, und nicht Wenige entſagten allen anderen Ausſichten, um flüchtigen Sklaven

nach Kanada fortzuhelfen oder gegen die Sklaverei zu predigen. Dieſer Fana⸗

tismus hatte etwas Erhabenes an ſich; jeder Student ſchien ſich für einen Pe⸗

trus Eremita zu halten und handelte, als ob die Abſchaffung der Sklaverei von

ſeinen perſönlichen Anſtrengungen abhinge.

Dieſe Bewegung war zuerſt von dem Präſidenten und den Profeſſoren des

Seminars aufgemuntert worden; als ſie jedoch fanden, daß alle regelmäßigen

Studien dadurch in Stockung geriethen, hielten ſie es für hohe Zeit, ihr Ein⸗ halt zu thun. Es war zu ſpät; die Strömung war zu gewaltſam, als daß ſie ihr widerſtehen konnten. Die Handelsintereſſen Cincinnati's ſtanden auf dem Spiel; die Kaufleute fürchteten den Verluſt des ſüdlichen Handels. Das Pu⸗ blikum forderte die Unterdrückung der Agitation. Die Sklavenbeſitzer kamen aus Kentucky herüber und feuerten den Pöbel zu Gewaltthätigkeiten an. Meh⸗ rere Wochen lang liefen das Seminarium und die Wohnungen Dr. Beecher's und Profeſſor Stowe's Gefahr, von trunkenen Volkshaufen in Brand geſteckt oder niedergeriſſen zu werden. Es mögen dies Wochen der tödtlichſten Angſt für Harriet Beecher geweſen ſeyn. Das Kuratorium des Inſtituts legte ſich jetzt dazwiſchen und fuchte die Aufregung zu beſchwichtigen, indem es alle fer⸗ nere Erörterung der Sklaverei in dem Seminarium verbot. Die Studirenden