VIII
Charaktere unter ſchädlichen Einflüſſen, ohne väterliche Führung und ohne Religion gedeihen; und nimmer kann es gleich ſein, ob der menſchliche Geiſt zum Guten oder Böſen, oder wohl gar nicht geleitet werde. Und mit welchem unwürdigen Maaßſtabe wird die Tugend gemeſſen! Man möchte glauben, die Wahrheiten und Hoffnungen der Religion ſtänden mit Tugend, Moral und jedem edeln und zarten Gefühle in durchaus keiner Berührung. Und welche innige Bekanntſchaft mit der gemeinſten, entartetſten Menſchen⸗ klaſſe widert uns an! Wie heiter und ſorglos find die Laſter und Ver⸗ brechen unſerer Mitgeſchöpfe aufgedeckt! Und was enthalten nun dieſe Schriften, die geeignet find, den unheilvollſten Einflüſſen entgegenzuarbeiten? Kann man von der auf dieſe Weiſe erlangten Popularität etwas Anderes erwarten, als daß Nachahmer, die ohne Zweifel hinter dem Vorbilde weit zurückbleiben, die Welt mit ihren ſchävlichen Werken überfluthen?
Betrachtungen dieſer Art veranlaßten die Verfaſſerin, da ſie im Be⸗ griffe ſteht die Literatur durch ein Werk ähnlicher Gattung zu bereichern, ihre Anſichten über dieſen Punkt auszuſprechen.
Was iſt nun zu thun? Sollen Diejenigen, die von religiöſen Grund⸗ ſätzen beſeelt find, zu ihrer frühern ſtrengen Anſchauung zurückkehren und das Romanleſen verdammen?
Es ſei erlaubt, dieſe Art, die Schwierigkeit zu beſeitigen, als eine durchaus unpraktiſche zu bezeichnen, denn es iſt keine feſte Marke für die Be⸗ zeichnung deſſen vorhanden, was ausgeſchloſſen werden müßte. Eine Novelle — was iſt das? Iſt es nicht eine einfache Erzählung, die in feiner, eleganter Form vorgetragen, auf zwei Bände ausgedehnt und eine Novelle genannt wird? Was ſind denn die Erzählungen in unſern Jugendbibliotheken anders, als kleine Novellen für Kinder? Was anders ſind die feinen Liebesgeſchichten in Mrs. Sherwood's Lady of the Manor, das in unſern Sonntagsſchulen eine große Rolle ſpielt und von den Kindern, ſelbſt während des Gottesdienſtes geleſen wird, als eine Sammlung kleiner Novellen, die am Anfange mit einem Katechismusartikel und am Schluſſe mit einem Gebete ausgeſchmückt ſind? Es iſt daher nicht möglich, eine allgemeine Norm über die Verbannung von Novellen aufzuſtellen, ohne den Begriff „Novelle“ völlig zu definiten. Die Frage wird daher viel umfaſſender, denn es handelt ſich um die Auffindung der beſten Methode, das Leſen der Romane zu leiten und zu beſchränken. Soviel ſteht feſt, daß die zpoetiſchen Erzählungen“ nicht ausgeſchloſſen werden dürfen, denn in dieſem Falle würden die heilſamſten Religionsſchriften, ſelbſt die Parabeln und
Allegorien der Bibel davon betroffen werden.
Ferner muß man zugeſtehen, daß durch eine gut gewählte Lectüre dieſer Gattung große Vortheile zu erlangen ſind. Die Einbildungskraft und der Geſchmack ſind Gaben Gottes, die der Pflege und Entwickelung bedürfen; die Ausbildung derſelben läßt ſich von der Geſundheit des Körpers und des Geiſtes nicht trennen. Man begreift jetzt die Geſetze unſerer phyſiſchen Natur immer mehr, und ſchon hat man es nicht nur als recht, ſondern als eine Pflicht erachtet, dem Verſtande ſowohl als dem Gefühle von Zeit zu Zeit die ſtrenge Bande der Pflicht zu lockern, und Erholung und Vergnügen zu gewähren. Von allen Vergnügen aber iſt die Uebung der Phantaſie im Betrachten der Bilder des Malers, des Bildhauers, des Pichters und des Novelliſten das erhabenſte und inſtrur⸗ tivſte. Werden dieſe Vergnügungen nun zweckmäßig geleitet, ſo muß die Bekanntſchaft mit der verfeinerten Geſellſchaft einen wohlthätigen Refler


