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Das Maiblümchen / Harriet Stowe, geb. Beecher
Entstehung
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Vorredrt.

Kann überhaupt ein literariſches Erzeugniß nachſichtiger aufgenommen werden, wenn drängenden Aufforderungen genügt wurde, ſo hat die Ver⸗ faſſerin nachfolgender Skizzen wohl einen dreifachen Anſpruch an eine milde Beurtheilung. Dieſe Skizzen ſind größtentheils von einer jungen Mutter und Hausfrau geſchrieben, während ſie auch den Pflichten ihres neuen Wirkungskreiſes genügen mußte.

In dieſer Zeit wurden die meiſten der nachſtehenden Artikel geſchaffen, theils in Folge des Anſuchens einer Freundin, einige Zeilen für ihre literariſchen Abendunterhaltungen zu ſchreiben, theils in Folge der Auf⸗ forderung eines Herausgebers, deſſen angebotenes Honvrar einen Beitrag zur Verbeſſerung des Hausweſens liefern ſollte. Die Bereitwilligkeit einer Freundin, die junge Wirthſchaft zu leiten, machte die Erfüllung dieſer Bitten möglich. Die Verfaſſerin dieſes Vorworts ſammelte die einzelnen Skizzen und bereitete ſie auf den Wunſch eines Verlegers zum Drucke vor.

Letztere hat nun gewiſſermaßen eine Mitverantwortlichkeit für dieſes Buch übernommen, deshalb ergreift ſie die Gelegenheit, in dieſer Vorrede einige Bemerkungen über die eigenthümliche Gattung der Literatur aus⸗ zuſprechen, der unſere Skizzen angehören, und die jetzt ſo beliebt iſt. Einſt war dem größern Theile der religiöſen Welt das Romanleſen ein nicht minder unterſagtes Vergnügen, als Tanz und Kartenſpielz ſeitdem aber die Werke Miß Edgeworth's und Sir Walter Scott's den Charakter des Romans ſo entſchieden verändert haben, iſt die allgemeine Anſicht, auch bei den Gewiſſenhaften, eine andere geworden, und man findet ſelbſt in der Bibliothek eifriger Religionslehrer Romane und Novellen.

Die Anzahl der Stizzen, Erzählungen, Novellen und Romane ward durch Ausgaben in den verſchiedenſten Formaten und zu den billigſten Preiſen nicht nur bedeutend vermehrt, man beförderte auch dadurch die Verbreitung derſelben dergeſtalt, daß ſie nicht nur den Reichen und Ge⸗ lehrten zugänglich waren, ſondern auch den Unbemittelten und Laien. Man findek Romane auf dem Lande, in den Werkſtätten, in den Wirths⸗ häuſern, den Kanal⸗Böten und Eiſenbahnwagen. Zu beklagen iſt nur, daß in der Wahl der Nahrung für die Phantaſie ſo wenig Unterſchied S wird. Das Schlechteſte wie das Beſte wird auf gleiche Weiſe egünſtigt.

W gewaltig dieſe Literatur⸗Gattung auf das Volk wirkt, haben erſt kürzlich die Huldigungen bewieſen, die man einem liebenswürdigen fremden Novelliſten brachte, deſſen Anweſenheit Demonſtrationen hervorrief, die man nur den größten Wohlthätern der Menſchheit zu erweiſen pflegt. Und welche Anſprüche hatte er an dieſe Huldigung? Was läßt ſich hier⸗ aus folgern? Es iſt nicht zu leugnen, daß die lebhafte Schilderung der Charaktere und Scenen in ſeinen Schriften, die demokratiſche Tendenz der⸗ ſelben, die Milde des Gemüths, der leichte Humor und die mehr oder weniger beobachtete Reinheit ihnen Anſprüche auf die allgemeine Gunſt geben; aber es iſt auch nicht zu verkennen, daß uns in dieſen Werken, die ſo allgemein verbreitet ſind, falſche Auffaſſungen der menſchlichen Natur geboten werden. Es können nimmer reine, erhabene, fein entwickelte