Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Philipp von Oestrich : Roman in drei Theilen : Die Königskrone : 3. Theil (1846)
Entstehung
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Die Königskrone. 365

worden, wollen wir ſie durch unſere Leute heimlich heimſchaffen laſſen.

² Die Ohnmächtige wurde in das neue Gebäude ge⸗ bracht und hier ſo gut gebettet, wie es eben anging. Frau Sibylle ſchickte eiligſt nach Wein und Brot und ließ ihrer alten, tauben Magd anſagen, daß ſie ſchleu⸗ nigſt eine ſtärkende Suppe bereiten ſolle.

Erſt nach Stunden und nicht ohne ärztliche Hülfe gelang es, die unglückliche Frau wieder zum Bewußt⸗ ſein zu bringen; aber ſie war ſo ſchwach, daß ſie nicht zu ſprechen vermochte. Ihr Aeußeres war nicht minder

in einem ſehr übeln Zuſtand. Sie war barfuß und ihre Füße ſchwielig und blutig von einer langen Fußwanderung; ihre Kleider hingen zerfetzt um ſie, ihre Haut, von der Sonne Spaniens verbrannt, hatte nun auch den letzten Reſt von Schön⸗ 3 heit verloren. Wangen und Augen waren tief eingefal⸗

len, ihre Züge hatten Schmerz und Verzweiflung zer⸗ wühlt; ſie war ein Schreckbild geworden. Jakob konnte ſie nicht genug betrachten, denn ſeine Phantaſie ſtellte ihm ihr reizendes, verführeriſches Bild daneben, wie er ſie vor fünf Jahren im höchſten Glanz jugendlicher 6 Schönheit und unermeßlichen Reichthums zuerſt geſehen

hatte. Es war ihm wie ein unbegreifliches Wunder,

daß dieſe häßliche Bettlerin dieſelbe Frau ſein ſollte, die vor ſo kurzer Zeit denn was ſind fünf Jahre in den Gedanken eines Menſchen! den reichen Herzog