Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Philipp von Oestrich : Roman in drei Theilen : Die Reise nach Spanien : 2. Theil (1846)
Entstehung
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364 Die Reiſe

Aufenthaltsort zu verlaſſen und ihre hellen und beque⸗ men Zimmer wieder zu beziehen. Sie ſchrie und be⸗ klagte ſich über Betrug und Falſchheit, ja ſie behauptete endlich, ihr Gemahl ſei ermordet worden und man ſuche es ihr zu verbergen. Ihr Zuſtand verſchlimmerte ſich ſo, daß der Leibarzt das Aergſte befürchtete. Es gin⸗ gen Boten auf Boten an die Königin ab und dieſe, erſchreckt von ſolchen Nachrichten, erhob ſich vom Kran⸗ kenlager und ließ ſich in einer Sänfte nach Medina del Campo tragen. Das Wiederſehen der beiden un⸗ glücklichen Fürſtinnen war ein ſehr trauriges. Die ſchwache, fiebernde Königin wurde dergeſtalt vom ſchmerz⸗ lichſten Muttergefühl überwältigt, daß ſie auf dem rau⸗ hen Steinpflaſter der Küche heftig weinend in die Knie ſank und die Arme krampfhaft um die Hüften der Toch⸗ ter ſchlang, die ſich von ihr abwandte. Da lag die große Königin von Caſtjlien, deren ſtarker Geiſt Spa⸗ nien zu ſeiner zeitigen Höhe gebracht, auf den feuchten Steinen eines düſtern Gemachs und flehete jammernd um ein Liebeswort, einen Liebesblick ihrer geiſteswirren Tochter, der ſie die geerbten und erworbenen Kronen hinterlaſſen ſollte; da lag ſie krank, elend und heim⸗ geſucht von der mitleidwertheſten menſchlichen Bedürf⸗ tigkeit! Welch ein Bild irdiſcher Größe und Herrlich⸗ keit! Das war nun das Ziel eines ſtolzſtrebenden Lebens, großer Kriegsthaten, hochgeprieſener Staats⸗ klugheit, ſieglächelnder Berechnungen! Das war das