Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Philipp von Oestrich : Roman in drei Theilen : Die schöne Kaufmannsfrau von Antwerpen : 1. Theil (1846)
Entstehung
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338 Die ſchöne Kaufmannsfrau liebtes Weib. Ihr ſeid frei. Erfüllt nun den heiße⸗ ſten Wunſch meines Lebens. Gebt mir Eure Hand und Euer Herz!

Erſtaunt, ſchier erſchrocken ſah ſie ihn an und ſtarrte dann lange vor ſich hin, als müſſe ſie ſich be⸗ ſinnen, ob ſie auch recht gehört.Wie? ſagte ſie endlich.Iſt das möglich? Geht, Martin, Euer gutes Herz ſpielt Euch da einen ſchlimmen Streich! Ihr habt einſt das ſchönſte Weib in den Niederlanden geliebt und werdet nun nicht das häßlichſte Scheuſal in den Provinzen heirathen wollen.

Zum erſten Mal ſprach ſie von ihrer Verunſtaltung und ſie beſaß nicht Herrſchaft genug über ſich, ihre Faſſung zu behaupten; denn ſie brach, als ſie das letzte Wort mit Mühe ausgeſprochen hatte, in ein dumpfes Schluchzen aus.

Martin ergriff wieder ihre Hand, bedeckte ſie mit Küſſen und ſagte:Ich habe Elevnore Bry geliebt von Jugend an und ich liebe dieſe Eleonore bis dieſe Stunde und werde ſie lieben, ſo lange ein Athemzug aus meinem Munde geht. Sieh', das iſt ja die wahre Liebe, die nicht an die flüchtige Schönheit der Geſtalt gebunden iſt. Deine Schönheit ſteht unverwelklich in meiner Seele, dort kann ſie keine grauſame Hand ver⸗ wiſchen. Und aus meiner Seele wird ſie fort und fort auf die Leinwand quellen und dort der Zeit trotzen.