Teil eines Werkes 
1. Abtheilung, Philipp von Oestrich : Roman in drei Theilen : Die schöne Kaufmannsfrau von Antwerpen : 1. Theil (1846)
Entstehung
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von Antwerpen..

anderes Weib, ein langes, volles, prächtiges, gold⸗ blondes Haar, das in glänzenden Locken ihr faſt auf die Füße floß und einen Glanz von ſich warf, als ſei es der Widerſchein der Abendröthe, die ſich in den prächtigen Wellen ſpiegelte. Schön war dieſe Frau, liebreizend ihre Züge, und doch war über ſie nicht der ſüße Schimmer des edelſten Gefühls gebreitet, doch goß aus dieſem herrlichen, großen Auge nicht der feuchte Strahl ſanfter Empfindung ſeine warmen, beruhigen⸗ den Lichtwellen in die ſich ihr nähernde Menſchenbruſt. Wahrlich, ſie hatte mehr von einer Fee als von ei⸗ nem Weibe.

Frau van der Kapellen ſaß auf einem ſeidenen Lot⸗ terbette; zu ihrer Rechten lag eine ſchneeweiße tibeta⸗ niſche Katze, zu ihrer Linken ein lombardiſcher Spitz⸗ hund von derſelben glänzenden Farbe, und ihre zarten Hände glitten abwechſelnd durch das ſeidene Haar die⸗ ſer wohlgepflegten Thiere. Neben dem Bette ſaß auf einer vergoldeten Stange in einer von Rohr geflochte⸗ nen Laube der kleine bunte, plauderhafte Lori, der ſein und Oeſtreich! öfter und lauter wiederholte, als der Page, ſich verneigend, vor die ſchöne Frau trat. Ihr Auge erhob ſich von einem mit Heiligenbildern ge⸗ zierten Andachtsbuche, in koſtbarem, mit farbigen Edel⸗ ſteinen garnirtem Einbande, das vor ihr auf einem mit feinem Schnitzwerk verzierten Betpulte aufgeſchlagen war, und überflog den Pagen, der einen Brief aus