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Der Abend, dieſe Wonne- und Segentzeit des Morgenlandes, legte ſich in die Büſche und Bäume des Gartens und entlockte ihnen ihr innerſtes Gut, die luſtberauſchenden Düfte, die er gierig ſchlürfte und auf ſeinem dunkeln Fittiche davon trug; mit den Düften aber brachen Chöre von Geſängen aus Buſch und Hecke hervor, die unter Begleitung von Harfe und Flöte Hochzeitlieder brachten, und das Lob des altteſtamentariſchen Gottes in frommen Pſalmen verkündeten. Schmelzende Mädchenſtim⸗ men prieſen bald einzeln, bald zuſammen das Glück der Ehe und Liebe und gewannen Thamar ein bit⸗ teres Lächeln ab. Die Güte ihres Vaters, der ſein Kind recht ehren wollte, und Alles aufgeboten hatte, um ihr Freude zu machen und ſeine Liebe zu erken⸗ nen zu geben, gemahnte ſie wie Hohn, und zum erſten Mal fühlte ſie ſchmerzlich die drückende Bürde des Reichthums. Wäre ſie arm geweſen, ſie hätte ſtill im einſamen Kämmerlein ihren Kummer unge⸗ ſtört ausweinen können, und die Thränen der lei⸗ denden Unſchuld hätten vielleicht das, auf Irrwe⸗ gen begriffene, Herz des Geliebten auf die rechte Bahn zärtlicher Liebe zurückgeführt; ſo mußte ſie


