Teil eines Werkes 
2. Theil (1828)
Entstehung
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wußte ſie, wann er ungefähr kommen wuͤrde. Von ſeiner Geſellſchaft hatte er nichts geſchrieben. Auch Wilhelm hatte ſeine Eltern nicht davon benachrichtiget. Man war ſo uͤbereingekommen, um die gute Familie recht freudig zu uͤberraſchen. Die Hofraͤthin ſtudirte an ihres Sohnes Briefen; ſie waren ſo allgemein; ſo gleichguͤltig, Anna'n nur obenhin erwaͤhnend, daß die gute Frau ſich bald den Kopf zerbrach. Mit Eduard's Briefen an Marien ging es ihr nicht beſſer. Sie enthielten nichts, als Zaͤrtlichkeiten, Verſicher⸗ ungen ſeiner Liebe und Sehnſucht nach ihr. Sie wußten in der That nicht, woran ſie waren. Die Tage erſchienen, wo Eduard kommen wollte. Da hob ſich Marien's Buſen ſtuͤrmiſcher; ſie hatte nir⸗ gends Ruhe. In Traͤumereien verſunken, ſtand ſie ſtundenlang am Fenſter und blickte bald ſehnſuchtig in die Himmelsblaͤue, bald die Straße entlang, wo er herkommen mußte. Dann nahm ſie ihr Tuch, ſchlich ſich zum Hauſe, zum Thore hinaus, und wan⸗ delte die Landſtraße hin. Ach, wie ſie auch die Blicke in die Ferne ſchickte, wie ſie auch manchen Fremdling gruͤßte: ihr Eduard kam nicht. Dann kehrte das ſinnige Mädchen traurend zuruͤck. Sie ſchlief nicht, ſie betete nicht, ſie und trank faſt nicht, ſie

bemerkte nicht, was um ſie vorging. So innig fuhlte

Marie. Seit die Liebe in ihre Bruſt eingezogen war, war ihr Gemuͤth tiefer, ihre Lebensanſichten großher⸗ ziger geworden. über den gewoͤhnlichen Menſchen⸗ ſinn erhaben, ſtand ſie mit ihrem Eduard auf der