Teil eines Werkes 
1. Theil (1828)
Entstehung
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kann den andern nicht betreten. Man muß entweder die einfachſte Naturreligion oder Vernunftreligion an⸗ nehmen, d. h. den Ausſpruͤchen Chriſti allein folgen, ohne ſich an ſeine Perſon oder an ſonſt etwas zu kehren, was uns der Kultus und die Lehre bietet; kurz, alles Bildliche muͤſſen wir verwerfen, von al⸗ len Formen abſehen. Dies waͤre die Religion fuͤr den einfachen gewohnlichen Menſchen; fuͤrchte Gott, thue Recht, ſcheue Niemand, lebe fromm und gut, einen Tag wie den andern, das iſt Alles, was ſie uns reicht.

Aber leicht begreife ich, obgleich ich nichts we⸗ niger als ein poetiſches Genie bin, daß dieſe todte Einfoͤrmigkeit nicht dem aufflammenden Geiſte, der gluͤhenden Dichterphantaſie genuͤgen kann; fuͤr ſie iſt der Weg, auf kuͤhnen Schwingen emporzuſteigen zu dem Reich der Moͤglichkeit, zu träumen von andern herrlicheren Welten, ſich Bilder zu malen mit den brennendſten Farben, bald wieder ſich niederzuwerfen in der fuͤrchterlichſten Zerknirſchung und zu beten aus der Tiefe der Seele, wie der gewoͤhnliche Menſch kaum ahnen kann, ja das iſt nur das Eigenthum hoher Geiſter, das iſt die Religion entflammter See⸗ len, und eine ſolche iſt das Ideal des katholiſchen Glaubens.

Sie haben mir aus der Seele geſprochen, beſter Wolframm, rief Golding entzuͤckt:Ich habe den Sieg gewonnen, denn der Proteſtantismus iſt keines von beiden; er hat von dem Bildlichen und Foͤrm⸗