Teil eines Werkes 
2. Theil (1856)
Entstehung
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kurz zuvor Todtenbläſſe überzogen hatte, und als er⸗ warte ſie Rath und Hülfe von dem Manne, welcher der Ueberbringer der letzten Worte des Geliebten war, den ſich ihre erhitzte Phantaſie ſchon als einen Ster⸗ benden darſtellte, hing ihr Auge flehend und forſchend an Howard, der, ſelbſt tief bewegt, die edle Geſtalt betrachtete, die der Schmerz zu zerſtören drohte.

Kapitain Howard! rief ſie, die bängliche Stille weniger Minuten plötzlich unterbrechend, aus,würde es nicht der ſchrecklichſte Hohn auf die Schöpfung ſein, wenn eines ihrer vollkommenſten Weſen auf ſo grau⸗ ſame Weiſe vertilgt werden ſollte? Alle die armſeligen Geſchöpfe, die ſich jetzt unterfangen, über Lewis O'Don⸗ nel zu richten, gewähren zuſammen nicht ſo viel Er⸗ habenheit, ſo viel Seelengröße, wie ſich in jedem Worte, in jeder Handlung jenes ſeltenen Mannes aus⸗ drücken. Bürgertugend nennen die Verblendeten, oder die, welche ſich ſelbſt abſichtlich zu täuſchen ſuchen, Hochverrath. Den Phokion möchten ſie zum Catilina machen, während ſie ſelbſt, wie römiſche Proconſuln, den Durſt nach Schätzen, die ihnen das eigene Vater⸗ land verſagt, in fremden, der Knechtſchaft unterwor⸗ fenen Landen zu ſtillen bemüht ſind und nach des Mannes Untergang trachten, der ſelbſt noch mit den Trümmern ſeines frühern Reichthums die Leiden ſei⸗ ner Mitbürger zu lindern ſucht und mit kühnem Mu⸗ the die Provinzen ſchützt, in denen ſie nach neuen Opfern umherſpähen. Giebt's denn kein Mittel, Kapitain, kein einziges, den Mann zu retten, der mir theurer iſt, als mein eigenes Leben, vor deſſen Geiſt und Herzen ich mich in Demuth, wie vor einem We⸗ ſen höherer Art, beuge?

In der Hand Ihres Vaters, Mylady, liegt ſein Leben; der Erbfeind ſeines Hauſes iſt ſein Ankläger.