Teil eines Werkes 
1. Theil (1855)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

31

liche Gedanke, daß es nicht einmal der Mutter, die aus ihrem Eigenthum vertrieben, fern von hier ihr einſames Grab gefunden, vergönnt ſei, an der Seite des Gatten im eiſernen Todesſchlaf zu liegen, und die bisher behauptete Faſſung ging unter in der Gewalt des reinen kindlichen Gefühls. An den kalten Stein niederſtürzend, betete er lange und inbrünſtig, und aus den dunkeln Gipfeln der Bäume rauſchte es herab, als ob der Geiſt ſeines Vaters ihm Gewährung zuflüſterte. Mit Thränen im Auge erhob er ſich und mit wehmüthiger Sehnſucht nach dem Verlorenen ſtreckte er, einen leiſen Klaglaut ſtöhnend, noch einmal die Hände gegen das Schloß ſeiner Väter aus, dann ſchritt er mit geſenktem Haupte langſam die Stufen hinab. Doch ſein Fuß haftete plötzlich, wie an den Boden gewurzelt. In geringer Entfernung von ihm erhob ſich eine ſchlanke, weiße Geſtalt, die auf ihn zuwankte. Sein Athem ſtockte; er erkannte die Jugend⸗ geliebte. Seine Verwirrung, ſein Schmerz erreichten den höchſten Grad, als ihm das bleiche Mädchen, unter Thränen ſchmerzlich lächelnd, näher trat, ihm die Hand reichte und zitternd die einzigen Worte, die ſie hervorzubringen vermochte:„Lewis, mein Lewis!“ entgegenhauchte. O'Donnel drückte die dargebotene Hand leiden⸗ ſchaftlich an ſein ſtürmiſch bewegtes Herz und rief: „So müſſen wir zufällig zuerſt an dieſem Ort uns wiederſehen, meine Eliſabeth! Welch ein Wieder⸗ ſehen nach wenigen Jahren, in denen das Schickſal ſoviel des Schrecklichen über uns verhängte!“ „Nicht zufällig, mein Freund!“ verſetzte die Dame. „Nicht ein Ungefähr führt mich hier am Grabe Dei⸗ nes Vaters, das ich ſo oft beſuche, mit Dir zuſam⸗ men, ſondern mein Wille, meine Sehnſucht, Dich zu