213
bis an das Ufer des Meeres. Die Wellen des Sundes rauſchten dumpf vorüber. Einen Augenblick beſann ſich der Flüchtling; dann war ſein tollkühner Entſchluß gefaßt. Er bedachte kurz:„Kleider haſt Du nicht,
alſo biſt Du Jedem verdächtig, der Dir zu Lande begegnet. In höchſtens zwei Stunden bricht der Tag
an; deine Flucht wird auf dem Kaſtell bemerkt, die Trommeln werden gerührt, die Kanonen gelöſt, und eh' Du ein paar Stunden Wegs nach Helſingoer zu⸗ gelaufen biſt, weiß man es ſechs Meilen weit, daß ein Gefangener entſprungen iſt. Zum Verbergen iſt nirgend eine Gelegenheit. Endlich biſt Du der ſchlech⸗ teſte Fußgänger, wohl aber der beſte Schwimmer. Auf dem Waſſer hat Dir das Glück ſich immer lachen⸗ der gezeigt, als auf dem Lande. Es iſt auch beſſer, Du verläſſeſt däniſchen Grund und Boden ſo ſchnell als möglich. Zehn Wochen haſt Du in einem Grabe geſchmachtet, jetzt willſt Du Dich dem Meere in die Arme werfen. Es iſt gewiß mitleidiger, als die Men⸗ ſchen. Denn entweder zieht es Dich hinab in ſeine Tiefe— ſo iſt Dir geholfen und Du haſt ein Grab, wie es einem Seemanne gebührt— oder es trägt Dich glücklich hinüber nach der Inſel Ween, und Du biſt gerettet.“ Und als er dieſes gedacht, warf er ſich an dem öden Meerſtrande in den Sand, erhob ſeinen Blick und faltete ſeine Hände und betete brün⸗ ſtig und heiß zu den Sternen hinauf, die einzeln, aber freundlich, durch das zerriſſene Gewölk hindurch ſchimmerten. Er dankte für die Rettung bis jetzt, er flehte Gott um fernere Rettung oder einen gnädigen Tod an. Sein Leib glühte fieberiſch von der unge⸗ heuern Anſtrengung, der Angſt und Eile der Flucht. Schneidend ſtrich die kalte Morgenluft über das Meer her. Norcroß warf noch einen Blick nach oben, und


