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lehnte ſchweigend in einer Fenſterbrüſtung, und quälte ſich mit Vermuthungen.
Hier hatte ihn kaum ein Kammerjunker erblickt, als derſelbe, ohne ihn zu befragen, in das Zimmer des Königs eilte. Dies deutete darauf hin, daß man ihn erwartet und der König befohlen habe, ihn ſo⸗ gleich nach ſeiner Ankunft zu melden. Selbſt in die⸗ ſem Augenblicke behielt Norcroß ſeine Faſſung. Sein Auge hing an der Doppelthüre, welche in die Wohn⸗ und Audienzzimmer des Königs führte. Der Kammer⸗ junker trat heraus und ſagte leiſe zu ihm:„Des Kö⸗ nigs Majeſtüt läßt Euch befehlen, morgen früh um ſieben Uhr hier zu ſein.“
Dieſe Verzögerung verdüſterte die Seelenſtimmung des Kapitäns. Er wünſchte nichts ſehnlicher, als aus der peinlichen Ungewißheit gezogen zu werden, und er hätte lieber das Schlimmſte zur Stelle erfahren, als noch eine Nacht warten zu müſſen. Er eilte zu ſeiner Braut, dem Fräulein von Broke. Als Waiſe wohnte ſie bei ihrem Verwandten, einem königlichen Staatsrath. Kaum hatte er ſich im Hauſe gezeigt, als ihm ein Diener mit ſchelmiſchem Lächeln nach ih⸗ rer Thüre die Verſicherung gab, Fräulein Broke ſei verreiſt. Ohne Umſtände öffnete Norcroß das Zim⸗ mer und ſah das Fräulein durch eine andere Thüre entfliehen. Der Herr Oheim erſchien ſteif und verle⸗
gen und erklärte dem ärgerlich verwunderten Seemanne,
daß ſeine Nichte gute Gründe habe, den Herrn Ka⸗ pitän, bevor er ſich nicht von den gegen ihn erhobe⸗ nen Beſchuldigungen reinige, nicht zu ſehen.
Noreroß. ging. Er hatte vergeſſen, zu fragen, weſſen man ihn eigentlich beſchuldige. Als er wieder Faſſung gewonnen, verfügte er ſich nach der Wohnung ſeines Beſchützers des Grafen Feldmarſchalls Mörner.


