Teil eines Werkes 
1. Theil (1856)
Entstehung
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König nicht frei und offen reden! Ich nicht!! Aber wurde ich in Dänemark nicht ebenfalls von dieſer Scheu zurückgehalten, mich dem König oder dem Kron⸗ prinzen anzuvertrauen, und ward ich nicht endlich inne, wie wahr mir meine Ahnung vorgeſagt? Wäre es nicht mein Tod geweſen, wenn ich aus meiner Ver⸗ hüllung hervorgetreten wäre? Und es wäre geſchehen, wenn ſich die Liebe zu Friederike nicht meiner bemäch⸗ tigt und eine ſo gewaltige Herrſchaft über mich aus⸗ geübt hätte, daß es mir unmöglich war, an etwas Anderes zu denken. Solcher Mittel und wunderba⸗ ren Wege bedient ſich die ewige Weisheit, uns vom Verderben abzuhalten. Friederike iſt, ohne es ſelbſt gewußt, noch gewollt zu haben, die Retterin meines Lebens geworden; denn ohne ſie wär' ich in die Schlin⸗ gen der Intrigue gefallen, die an dieſem däniſchen Hofe für mich lagen. Gottlob! ich bin der Gefahr entgangen; aber neue Angſt bemächtigt ſich meiner. Gott, gib mir einen Lichtſtrahl in dieſer Finſterniß! Heiland, Gottesſohn, hilf mir überwinden! Reine Jungfrau, Gottesmutter, ſteh' mir bei! Bei dieſen Worten neſtelte er ſein Wamms auf, entblößte die Bruſt und zog das Etui hervor, dann griff er mit der rech⸗ ten Hand unter den linken Arm und nahm ein dort an feiner Seidenſchnur befeſtigtes Schlüſſelchen. Doch eben ſo ſchnell hielt er auch inne, ging vorſichtig nach der Zimmerthüre und ſchob den Riegel vor, horchte an der Thüre, ging leiſe auf den Zehen an das Fen⸗ ſter zurück und öffnete behutſam das Schloß des Etui. Das Büchlein ſprang auf und an der innern Wand des Okerdeckels wurden zwei Portraits in Miniatur, ein männliches und ein weibliches, ſichtbar; ein edler Mannskopf mit etwas unbeſtimmten und verſchwom⸗ menen Zügen und ein Frauengeſicht voll Milde und