Teil eines Werkes 
1. Theil (1856)
Entstehung
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Knabe, der die ſchwache Seite der Barbierswitwe kannte.

Komm, mein Scheckchen, und labe Dich an ei⸗ nem Glaſe Punſch. Du biſt verſtändiger, als man nach Deinem jugendlichen Ausſehen ſchließen möchte, und weißt Jedermann ſeine gebührende Ehre anzu⸗ thun; eine große Seltenheit ih Deinen Jahren. Komm und trink, mein Schätzchen.

Ich werde die Ehre zu erwidern wiſſen, hoch⸗ geſchätzte Frau Ankarfield; aber ſagt mir doch gefäl⸗ ligſt zuvor, ſeid Ihr geſonnen, den beiden Fremden hier ein paar Stuben in Euerm ehrenwerthen Hauſe einzuräumen?

Ein Paar? Ein paar Stuben? Wie gern, lie⸗ ber Junge, wenn ich nur könnte! Ein Paar kann ich nicht. Doch hör' nur, kleines blauäugiges Spitz⸗ bübchen, komm, hier ſteht Dein Punſch. Schöne Dame, ſetzt Euch, ich bitte, dort in den Lehnſtuhl in der Ecke. Es iſt gewöhnlich mein Sitz. Thut mir die Ehre an, ich bitte! Damit ſchob ſie Friederiken in den weichen Stuhl und zog Juel an einen entfernten Tiſch, ihm dort den Becher mit dem dampfenden Getränk überreichend und ihm zu gleicher Zeit traulich in's Ohr ziſchelnd:Sag' mir doch, Hänschen, wer iſt denn die prächtige Dame, die mir die Ehre anthut?

Das iſt allerdings eine große Ehre für Euer Haus, daß dieſe vornehme Dame darin wohnen will. Aber wer ſie iſt, kann ich Euch ſo eigentlich nicht ſa⸗ gen; denn ich weiß es ſelber nicht. Aber ſowohl der Kapitän, als alle andere graduirten Perſonen auf dem Schiffe begegneten ihr mit der größten Ehrfurcht, und ſie muß demnach von hohem Stande ſein. Das ſieht man ihr auch ſchon an Geſicht und Kleidern an. Meiſter Habermann iſt ſicherlich über ſie genau unterrichtet,

Storch, ausgew. Romane u. Novellen. Xl. 2